Der Internetkonzern kooperiert mit totalitären Regimen, sammelt Daten und gibt sie an die Werbeindustrie weiter.
Das schreibt Gerald Reischl in seinem Buch «Die Google-Falle». Jürgen Liebherr sprach mit ihm. Jeder kennt Google und fast jeder mag Google. Verständlich, denn schließlich ist Google die meistbenutze Suchmaschine der Welt. Zudem ist das US-Unternehmen stets aktiv, entwickelt neue Anwendungen, Ideen, verschenkt Software usw. Selbst die Tatsache, dass Google mittlerweile sehr mächtig ist und über eine Unmenge an Daten seiner User verfügt, scheint nur wenige zu beunruhigen.
Einer, der sich Sorgen über das immer weiter wachsende Google-Imperium macht, ist Gerald Reischl. Der österreichische «Kurier»-Journalist, ORF-Technologie-Experte und Autor hat soeben das Buch «Die Google Falle - Die unkontrollierte Weltmacht im Internet» veröffentlicht. Die Netzeitung hat Gerald Reischl zu seinem kritischen Buch befragt.
Netzeitung: Was wollen Sie mit Ihrem Buch erreichen?
Gerald Reischl: Keine Panikmache, sondern Aufklärung und Bewusstseinsbildung. Gerade bei jenen, die keine IT-Experten oder Insider sind, die nicht gleich zum Frühstück IT-News konsumieren oder Blogs abonniert haben, sondern sich als ganz normale Internet-Nutzer sehen. Ich möchte erklären, was passiert, wenn man Google benutzt, wenn man personenbezogene Daten im Internet preisgibt. Die Methoden von Google müssen einfach hinterfragt werden.
Vorsicht vor Google Mail
Netzeitung: Heißt das, dass wir in Zukunft nicht mehr Google als Suchmaschine benutzen sollen?
Reischl: Nein. Auch ich Google und habe sogar für mein Buch gegoogelt. Ich habe nichts gegen die Suchfunktion an sich. Aber ich bin mir eben bewusst, welche Daten der Suchgigant von mir speichert, wie mein Profil aussieht, welche Informationen ich ihnen in die Hände, bzw. in die Datenbanken spiele.
Aber ich nutze nicht alle Dienste, weil ich nicht will, dass mein Profil detaillierter wird. Ich nutze zum Beispiel nicht Gmail bzw. Google Mail, weil ich es bedenklich finde, dass jemand den Inhalt meiner Mails scannt.
Netzeitung: Sie werfen Google in Ihrem Buch einige gravierende Dinge vor. Der Hauptkritikpunkt richtet sich dagegen, dass Google in alle möglichen Bereiche wie Mail-Verkehr, Software, Telekommunikation und sogar Medizin vordringt. Dadurch bestehe die Gefahr Daten über Menschen zusammenzuführen und zu missbrauchen. Aber bis jetzt hat Google doch nichts wirklich Böses gemacht.
Reischl: Na ja, «nichts Böses gemacht» ist Definitionssache. Wenn ich mir überlege, dass eine Firma mit einem totalitären Regime wie China kooperiert, Zensur aktiv unterstützt und sogar gezwungen werden kann, Daten von Internetnutzern an die Regierung weiterzugeben – das ist nicht gut, das ist böse.
Darüber hinaus weiß eben keiner, was wirklich mit den Daten passiert, die Google weltweit gesammelt hat und in Datenbanken – womöglich über 18 Monate - speichert. Keiner kann mir garantieren, was mit den Daten passiert, an welche Organisationen und Firmen sie weiter gegeben werden und wer nicht ohnehin schon Zugang zu den Datensammlungen besitzt.
Der größte Datensammler der Welt
Netzeitung: Zum Beispiel kritisieren Sie im Buch, Google sei ein Informationsbroker geworden. Wie meinen Sie das - an wen genau verkauft denn Google seine Infos?
Reischl: Im Prinzip passiert das schon, indem etwa die Surfgewohnheiten der Nutzer indirekt verkauft werden, und zwar an die werbenden Firmen. Ich meine damit die Trefferliste in Verbindung mit Google AdWords (Werbeanzeigen am rechten Bildrand der Google Trefferliste, Anm. d. Red.); die entsteht ja nicht zufällig, die basiert auf vergangenen Suchanfragen, die Werbelinks werden aus meinem Suchprofil generiert.
Netzeitung: Dann glauben Sie also wirklich, dass Google so eine Art Masterplan hat: alles zu beherrschen, zu kontrollieren, gezielt einzusetzen und zu verwerten.
Reischl: Sagen wir mal so: Für mich ist Google der größte Datensammler der Welt. Sie sammeln die Daten von 800 Millionen Nutzern, noch dazu ist Google unkontrolliert tätig. Daten sind etwas sehr wertvolles. Die Problematik ist, dass diese Daten immer umfangreicher, immer detaillierter werden. Und verschiedene Bereiche - Freizeit, Gesundheit/DNA, Kommunikation und personenbezogene Daten - können miteinander verknüpft werden. Nicht nur für die werbende Industrie, sondern auch für Arbeitgeber, Versicherungen und für Staaten ist das interessant. Das macht mir Angst.
Google, Yahoo, Microsoft
Netzeitung: Wenn Ihre Aussagen stimmen und Ihre Prognosen eintreffen – wie könnte man der Gefahr des Google-Imperiums und des Datenmissbrauchs entgegentreten? Sollte der Gesetzgeber etwas tun?
Reischl: Die EU muss Auflagen machen. Google könnte verpflichtet werden, gewisse Daten gar nicht sammeln zu dürfen oder sie zumindest nach einer gewissen Zeit verlässlich zu löschen. Natürlich ist so etwas schwer zu kontrollieren. Aber darum muss man eben auch ein Bewusstsein schaffen, den Nutzern erklären, welche Daten sie lieber nicht von sich aus bekanntgeben dürfen, damit sie nicht einmal böse davon überrascht werden, was man alles über sie weiß.
Netzeitung: Wäre es denn in diesem Zusammenhang Ihrer Meinung nach gut, wenn die Übernahme Yahoos durch Microsoft klappte? Dass also Google einen adäquaten Gegenspieler bekäme?
Reischl: Ja, ich glaube schon. Denn ich denke, dass die gegenwärtige, gerade in Europa aufbrechende Datenschutzdiskussion Auswirkungen auf Google und «Microhoo» – ich gehe davon aus, dass der Deal klappt – haben wird. Ich kann mir sogar vorstellen, dass «Microhoo», um ein starker Mitbewerber zu werden, gerade auf diese Datenschutzthematik setzen wird und die eigenen Datensammelmethoden überdenkt – vielleicht nach dem Werbeslogan: «Bei uns surfst du privater».
Zudem darf man nicht vergessen, dass Google nicht überall beliebt ist. In Frankreich zum Beispiel hat Google einen Big-Brother-Award erhalten. Europa müsste einen Gegenpol zu Google bilden. Wir müssen Google auffordern, sich an Datenschutzgesetze zu halten. Gerade in Deutschland wird ja dem Datenschutz und der Privatsphäre ein hoher Stellenwert eingeräumt. Hier könnte eine Diskussion entstehen, die ganz Europa erfassen sollte.
Gerald Reischl: Die Google Falle. Die unkontrollierte Weltmacht im Internet. Verlag Carl Ueberreuter, Wien 2008, 192 S., Euro 19,95. ISBN 978-3-8000-7323-8.
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