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04.

Mai

2008

Computerfreak oder kaltblütiger Mörder? PDF Drucken E-Mail
  

US-Gericht: Prominenter Linux-Programmierer schuldig gesprochen.

Schuldig im Sinne der Anklage, so lautet das Urteil im Mordprozess gegen Hans Reiser. Der prominente US-amerikanische Linux-Programmierer soll seine Frau getötet haben. Die Leiche wurde nie gefunden. Reiser droht nun eine lebenslange Freiheitsstrafe.

Vince Dunn quälen keine Zweifel. "Ich habe ihm in die Augen gesehen. Er hat gelogen", sagt der 61-Jährige, einer der zwölf Geschworenen, die im Mordfall Nina Reiser über Schuld und Unschuld des prominenten Open-Source-Programmierers Hans Reiser, Schöpfer des bekannten Linux-Dateisystems ReiserFS, zu befinden hatten. Sechs Monate hat das Verfahren im kalifornischen Almeda County gedauert. Allein das Kreuzverhör zog sich über elf Tage hin.
 
"Der Mord wurde kaltblütig geplant"

Am Ende fällten die Geschworenen ein einstimmiges Urteil: Hans Reiser ist schuldig. Er hat den Mord an seiner Frau Nina kaltblütig geplant und ausgeführt. Das Strafmaß wird am 9. Juli festgelegt. Strafmildernde Umstände gibt es nicht. Eindeutige Beweise aber auch nicht - lediglich Indizien. Nina Reisers Leiche wurde nie gefunden.
 
Nina und Hans Reiser lernten sich 1998 in Russland kennen. Sie heirateten und lebten seit 1999 in Oakland, Kalifornien. Im Mai 2004 trennte sich das Paar. Es folgte ein heftiger Scheidungskrieg, in dem es vor allem um das Sorgerecht für die beiden Kinder ging.
 
Am 3. September 2006 wurde Nina Reiser zuletzt lebend gesehen, als sie ihrem Mann verabredungsgemäß übers Wochenende die beiden Kinder brachte. Später am Tag wollte sie sich mit einem guten Freund treffen. Der Freund wartete vergebens. Nina Reiser erschien nicht mehr zu diesem Treffen.

Nina Reiser spurlos verschwunden

Nina Reisers Auto wurde sechs Tage später in einem Vorort von Oakland gefunden - inklusive Handtasche und einiger Lebensmittel, die sie noch eingekauft hatte, bevor sie ihre Kinder bei ihrem Mann abgeliefert hatte. In der Handtasche befand sich auch ihr Handy. Ihm fehlten die Batterien, sodass es nicht geortet werden konnte.

Die Ermittlungen der Polizei blieben zunächst ohne greifbares Ergebnis. Auch die eigens eingerichtete Webseite und die 15.000 Dollar Belohnung, die für Hinweise über Nina Reisers Verbleib ausgesetzt worden waren, führten zu nichts. Von Nina Reiser fehlt bis heute jede Spur.
 
Vier Wochen später wurde Hans Reiser unter dem dringenden Verdacht festgenommen, für das Verschwinden seiner Frau verantwortlich zu sein. Es gebe eine Reihe von Verdachtsmomenten, hieß es damals, Indizien, die nur einen Schluss zuließen: Reiser habe seine Frau getötet, ihre Leiche beseitigt und dann versucht, die Spuren zu verwischen. Reiser stritt alles ab.
 
Verständnisloses Kopfschütteln

Seine Frau habe ihn mit seinem besten Freund betrogen, Geld aus seiner Firma Namesys unterschlagen und sei heimlich wieder nach Russland zurückgekehrt, behauptete der Angeklagte. Zeugen widersprachen. Nina hätte ihre Kinder geliebt. Sie hätte sie niemals allein bei ihrem Mann zurückgelassen.
 
Reisers Aussagen wirkten insgesamt wenig glaubwürdig, zum Teil sogar völlig abstrus, so die einhellige Meinung von Prozessbeobachtern. Dass in seinem Auto seit Verschwinden seiner Frau der Beifahrersitz fehlte, erklärte Reiser beispielsweise damit, dass er zuweilen in seinem Wagen schlafe und mehr Platz benötigt habe.
 
Als die Polizei sein Fahrzeug fand, stand im Wageninneren zentimeterhoch Wasser. Auch dafür hatte der Programmierer eine Erklärung parat. Er habe den Wagen gründlich gereinigt und sei davon ausgegangen, dass es im Fahrzeugboden ein Loch gebe, durch das das Restwasser hätte ablaufen können. Solche und ähnliche Äußerungen lösten beim Richter und bei den Geschworenen immer wieder verständnisloses Kopfschütteln aus.
 
Ein Puzzle von Indizien

Reisers Verteidiger versuchte, seinen Mandanten als eine Art "missverstandenen Computerfreak" darzustellen. Für jedes belastende Indiz, das die Staatsanwaltschaft präsentiert habe, gebe es eine logische Erklärung. Reiser habe sich zweifelsohne ungewöhnlich verhalten, erklärte sein Anwalt. Aber das reiche für eine Verurteilung keineswegs aus. Reiser sei kein Mörder.
 
Die Geschworenen standen vor einer schwierigen Aufgabe. Augenzeugen gibt es nicht. Nina Reisers Leiche wurde bis heute nicht gefunden. Eindeutige Beweise für Reisers Täterschaft fehlen. Alles, was die Anklage in sechs Verhandlungsmonaten gegen Reiser auffahren konnte, war ein Puzzle von Indizien. Vince Dunn, einer der Geschworenen, bestätigt diese Einschätzung.
 
Zukunft ungewiss

Der Schuldspruch der Geschworenen beruhe auf einer schlüssigen "Kombination verschiedener Sachverhalte", erklärte der 61-jährige Dunn. Reiser habe zudem ein Motiv gehabt - die Untreue seiner Frau und der Kampf ums Sorgerecht für die Kinder. Vor Gericht habe er die Rolle des "missverstandenen Computerfreaks" nur gespielt. Das sei ein durchsichtiges "Verteidigungsmanöver gewesen, damit wir ihm seine Version der Geschichte abkaufen".
 
Welche Auswirkungen der Schuldspruch auf die Weiterentwicklung des Linux-Dateisystems Reiser4, Nachfolger des ReiserFS-Systems, haben wird, ist ungewiss. Bereits im Januar wurde Reisers Firma Namesys aufgelöst. Unter ihrem Dach war das Dateisystem von der Open-Source-Gemeinde auch nach Reisers Verhaftung weiterentwickelt worden. Mittlerweile favorisieren die großen Linux-Distributoren mit Ext3 und seinem Nachfolger Ext4 allerdings bereits ein anderes Dateisystem. Reiser4 hat vermutlich ausgedient.