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Von Josef und Helene Esser von „Feinkost Esser“ gibt’s für Stammkunden nach wie vor einen Extra-Service. Nämlich den letzten Milchmann weit und breit

Im kleinen, feinen Laden von „Feinkost Esser“ in Wersten hängt an der Wand ein Schild, es ist von 1932, und in blattgoldenen Lettern steht „Molkerei-Fachgeschäft“ drauf geschrieben. Auf einem Schwarz-Weiß-Foto daneben steht ein Mann vor einer Pferdekutsche, auf deren Planwagen dick und fett das Wort „Vollmilch“ verewigt ist. Der Mann auf dem Foto ist Edmund Esser. Sohn Josef macht immer noch Milch, er ist der letzte Milchmann weit und breit. Doch die Milch, die wird nicht mehr per Pferdewagen transportiert, sondern im Kofferraum seines Peugeot Kombis – mit mehr als 100 Pferdestärken.

Josef Esser sitzt auf einer Bank vor „Feinkost Esser“ und grüßt alle Nase lang einen Passanten. „Tach Frau Schmitz, Hallo Herr Müller, Tach Frau Meier...“ Der Mann mit dem lustig-funkelnden Augen ist ein bunter Hund im Stadtteil, langjähriges Mitglied beim Heimatverein Werstener Jonges und eben einer, der als Geschäftsmann noch den direkten Kundenkontakt sucht. „Für den Bringservice berechne ich pro Milchflasche fünf Cent mehr“, sagt der 76-Jährige mit der Energie eines jungen Hüpfers. Esser lädt die Milchkästen in sein Auto, das vorm Laden an der Kölner Landstraße geparkt ist und braust los. Der Milchmann kommt!

Und zwar an drei Tagen in der Woche. „Montags, Mittwochs und Freitags beliefere ich die Kunden mit Milch“, sagt Esser. Im ganzen Stadtteil und auch darüber hinaus, etwa nach Bilk oder Flehe. Nach Wunsch gibt’s auch den Shuttle-Service für Kohlrabi oder Möhren obendrauf. „Und gequatscht wird an der Haustüre auch“, sagt Esser. Der Ur-Werstener hat einen Stamm von gut 30 Milchkunden, darunter sind auch viele junge Leute, die eine solche Dienstleistung in einer immer schnelllebigeren Zeit immer mehr zu schätzen wissen. Früher, in den fünfziger Jahren, gab’s in der Region Düsseldorf rund 400 Milchhändler und eine strikte Reviereinteilung.

„Feinkost Esser“ macht aber nicht nur müde Männer munter, das Angebot ist weitaus vielfältiger. Im Laden an der Kölner Landstraße steht nämlich auch noch Helene Esser hinter einer Tante Emma Laden-Theke wie aus dem Bilderbuch. Und die Frau mit dem gütigen Gesicht könnte man auch nicht besser erfinden. Die 71-Jährige steht hier seit ihrer Heirat mit Josef, seit 1967, mit im Mittelpunkt. Sie ist umrahmt von riesigen Käsestücken, Wurst, Milchflaschen, Eierkörben. Alte Schöpfkellen, rostige Milchkannen und eine in die Jahre gekommene Lebensmittel-Waage sorgen für ein gemütliches, historisches Ambiente. Die Essers sind berühmt für ihre leckeren, stilvoll hergerichteten Präsentkörbe. Außerdem sind Matjes wieder da, so steht’s auf einem Papier am Schaufenster. „Die hole ich von der Nordsee, nicht aus Holland“, betont Helene Esser und ergänzt stolz: „Für die Matjes kommen Leute extra aus der Altstadt oder aus Ratingen.

“Ansonsten lebt „Feinkost Esser“ von seinen vielen Werstener Stammkunden, die Laufkundschaft könnte indes größer sein. Der Einzelhandel an der Kölner Landstraße hat an Bedeutung verloren. In den vergangenen Jahren machten immer mehr Geschäfte dicht. Der Schreibwarenhändler ist verschwunden, auch die Apotheke nebenan ist ausgezogen. Früher gab’s Schlecker und an der Ecke Otto Mess. Alles weg. „Wenigstens haben wir jetzt wieder einen Blumenhändler“, sagt Helene Esser.

Aber früher war auch nicht alles besser. Denn nach den Milchtanks auf den Pferdewagen und den klobigen Kupferkannen kam irgendwann die Tütenmilch. Josef Esser ist froh, dass die wieder vom Markt verschwunden ist und den Tetra-Paks und Flaschen weichen musste. „Die Milchtüten waren oft nicht richtig verschweißt, wie oft ist mir das Zeug da auf dem Weg zu den Haustüren der Kunden auf den Boden geklatscht“, erinnert sich der 76-Jährige und lacht. „Die Leute haben dann immer gesagt: Esser, da hasse wieder Sauerei gemacht!“

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