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Düsseldorf mag einst, in den späten Siebzigern, eine wichtige Stadt für Punkrock gewesen sein, doch heute hat sich Punk in der Schnöselstadt am Rhein, die sich für was Besseres hält, in ein paar wenige Nischen zurückgezogen.

In einer versteckten Seitenstraße in der auf alkoholstumpfe Dauerparty gepolten Altstadt hält sich seit rund 25 Jahren Hitsville Records als Hort des Hitsvilleguten Geschmacks und als auf Vinyl spezialisierter Plattenladen mit Schwerpunkt auf Musik jenseits des Mainstreams. Punk gehört dazu, aber auch andere randständige Genres. Wir trafen uns mit Ralf Brendgens, der Hitsville zwar nicht gegründet hat, aber seit vielen Jahren führt, in seiner Wohnung, die – wenig überraschend – ebenfalls wie ein Plattenladen aussieht, um über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Tonträgerhandels, wie wir ihn kennen, zu sprechen.

Wann und wie ging es los mit Hitsville?

Der Laden wurde Anfang 1986 von Jürgen Krause eröffnet. Vorangegangen war dem Laden ein Düsseldorfer Ableger des Berliner Plattenladens Zensor, und daraus wurde Pure Freude, das sowohl Laden wie Label war und von Carmen Knöbel betrieben wurde, die damals auch den Ratinger Hof führte. Ganz zu Beginn gab es noch Rock On, das war ein Plattenladen auf der Schadowstraße, in so einer kleinen Passage, da musste man über eine Wendeltreppe in den ersten Stock. Zur gleichen Zeit existierte in Neuss Schallmauer, da kaufte man als Punk seine Platten. Ungefähr 1983 machte Rock On dann dicht, und dann kam Pure Freude auf der Derendorfer Straße. Ich wohnte da ganz in der Nähe, und dort arbeitete Jürgen.

Was für ein Angebot hatte Pure Freude? Die gesamte Bandbreite an Underground-Musik von Punk über Wave und Industrial bis zu Psychobilly?

So kann man das beschreiben. Für mich als Kid-Punk mit 16, 17 war das eben „der“ Punk-Laden. Ich begeisterte mich damals für den ganzen ’82er-Punk aus England. Die erste DISCHARGE-Single hatte ich noch bei Rock On entdeckt, als ich die Single mit der Nietenlederjacke auf dem Cover sah, standen mir im wahrsten Sinne des Wortes die Haare zu Berge. Das war genau mein Ding, damit ging es los. Zuvor hatte ich im Freibad Typen kennen gelernt, die spielten auf dem Cassettenrecorder CRASS. Ich saß da in Badehose und dachte, ich steh im Wald, so einen Sound hatte ich nie zuvor gehört. Im Pure Freude lief solche Musik allerdings nicht, dennoch habe ich Jürgen zu verdanken, dass er mich mit Bands wie GERMS oder MISFITS vertraut machte.

Dein musikalischer Mentor Jürgen gründete dann nach dem Ende von Pure Freude den neuen Laden, Hitsville.

Ja, 1985 war bei Pure Freude Schluss. Warum genau weiß ich nicht, ich denke, Carmen hatte da keine so rechte Lust mehr drauf. Stattdessen kam dann Hitsville, der Laden war über dem Mirage bei der Andreaskirche, das war ein Laden, der Doc Martens, Bondage-Hosen und all so was verkaufte. In der ersten Etage, die eigentlich eine Wohnung war, wurde der Plattenladen eingerichtet, das war klein, höchstens 25 Quadratmeter. Fünf Jahre ging das gut, aber da das eine Wohnung war, ging das natürlich eigentlich nicht, und irgendwann stand auch das Ordnungsamt auf der Matte und hat den Laden zugemacht. Das war 1990.

Welche Funktion hatte Hitsville in diesen ersten Jahren? Plattenläden hatten in der Zeit, bevor es das Internet gab, die Funktion eines zentralen Szene-Anlaufpunktes. Als Ortsansässiger wie als Besucher einer Stadt ging man da hin, da lagen die Konzert-Flyer, da hingen die Zettel, mit denen Bands neue Musiker suchten.

Hitsville war schon die Kommunikationsbörse in der Stadt, da hast du deinesgleichen getroffen, da gab es die Platten, die man haben musste. Heute gibt es das Internet, und wer immer irgendwelche Interessen hat, die nicht dem Massengeschmack entsprechen, findet dort Gleichgesinnte. Früher dagegen musste man seinen Arsch aus dem Haus bewegen, um Gleichgesinnte zu treffen und kennen zu lernen. Und dafür war ein Laden wie Hitsville die Anlaufstelle.

Manche Leute haben das damals regelrecht zelebriert: Alle vier Wochen ging es aus der Provinz in die große Stadt zum Plattenkaufen. Es gab nicht wie heute die Möglichkeit, online in eine Platte reinzuhören, nein, wenn man von der gehört hatte, musste man die weite Reise antreten, um bei Hitsville mal reinhören zu können. Das ging nach dem Motto „Was haste denn Neues für mich?“, und in der Regel kannte einen der Verkäufer und konnte einem was empfehlen, und da hörte man da rein.

So war das auch bei mir, als ich noch einfacher Plattenladenkunde war. Allerdings hatten die Läden nicht immer alle die Sachen, die man haben wollte, und so bestellte ich parallel viel bei Mailordern wie Vinyl Boogie und Sasquatsch. Aber Jürgen war für mich schon sehr wichtig in der Prägung meines Musikgeschmacks, der ist jetzt Mitte 50 und damit zehn Jahre älter als ich. Der hatte 1977 hier in Düsseldorf mit die ersten Punk-Konzerte veranstaltet.

Wie kam es dann dazu, dass du die Schwelle vom Plattenkäufer zum Plattenverkäufer überschritten hast?

Das war 1993/94. Zuvor hatte sich Jürgen mit dem von Mirage zusammengetan und in der Bolker Straße, da wo heute McDonald’s ist, im ersten Stock einen riesigen Laden gemietet. Der kostete allerdings mörderisch viel Miete, und nach zwei, drei Jahren waren eine ganze Menge Schulden aufgelaufen, es ging nicht mehr weiter. Ich hatte das mitbekommen, hatte selbst keine richtigen Pläne, jobbte als Plakatkleber und so, und da hatte ich die Idee, Hitsville zu übernehmen. Mein Vater bürgte für den Kredit, und ich sprang ins kalte Wasser und hatte plötzlich einen Plattenladen. Am alten Hafen mietete ich dann einen neuen Laden, für 9.000 Mark im Monat inklusive Mehrwertsteuer! Dafür ging das aber über drei Ebenen, und in der obersten wollten zwei Freundinnen so eine Art Boutique für selbst geschneiderte Klamotten machen. Tja, kaum war der Vertrag unterschrieben, sind die abgesprungen und ich saß in der Scheiße. Dennoch war es dann erst mal eine lustige Zeit, es gab zwar nichts zu verdienen und das Geld aus dem Kredit schmolz dahin, aber ich hatte Spaß.

Um 9.000 Mark Miete, also 4.500 Euro, zu erwirtschaften muss man eine Menge Platten verkaufen ...

Irgendwie kam ich halbwegs über die Runden. Mitte der Neunziger war die Zeit des Siegeszuges der CD, es erschien kaum noch Vinyl, und das, was kam, war teuer. Doch mittelfristig konnte das nicht gutgehen, und so suchte ich nach einem neuen Ladenlokal und fand das auf der Wallstraße, wo Hitsville auch heute noch ist. Im April 1996 zogen wir um. Ich machte den Laden dann bis Anfang 2006 zusammen mit Jürgen, aber dann gab es leider Ärger mit dem „Amt“ – auf Details will ich an dieser Stelle verzichten – und seitdem mache ich Hitsville alleine.

Du hast zwei Umbrüche miterlebt: Einmal den um 1990 herum, als man davon ausging, dass Vinyl ausstirbt, und sehr viele Leute auf CDs umstiegen, und dann die Entwicklung der letzten Jahre, in der sich Vinyl zum neuen Standard entwickelte und in bestimmten Musikgenres kaum noch jemand CDs kauft.

Ich habe mich von Anfang an sehr schwer getan mit der CD, das war so ein austauschbares Plastikding, das ich nie akzeptiert habe. Wirtschaftlich gesehen wäre das natürlich klüger gewesen, wenn ich früher mehr auf die CD gesetzt hätte, aber ich wollte nicht wahrhaben, dass Vinyl ein Auslaufmodell sein soll. Ich hatte mir allerdings auch keine Vorstellung davon gemacht, wie viel Ware man verkaufen muss, um so einen Laden zu finanzieren. Ich ging da recht naiv ran und war dann entsetzt, dass man 22 Mark für eine CD bezahlen musste, die man für 32 Mark verkaufte. Wenn man dann aber nur die Hälfte von zehn CDs verkauft, geht die Rechnung schon nicht mehr auf – mir war so etwas nicht klar, ich hatte ja nur eine Ausbildung als Bürokaufmann. Mich hatten aber Schule und Ausbildung nie wirklich interessiert, ich hatte immer was anderes im Kopf. Vinyl war im Laufe der Neunziger aber immer schwieriger zu bekommen, und parallel dazu verkauften immer mehr Elektromärkte auch Punk-CDs – mit OFFSPRING und GREEN DAY wurde Punk Mitte der Neunziger ja erst so richtig groß. Zu Beginn dieses Booms half mir das, doch als dass dann richtig durchschlug, verkauften die Großen die ganzen CDs. Noch schlimmer wurde es dann nach 2000, auch mit der Umstellung auf den Euro, als alles teurer wurde. Zudem gab es damals einen Generationswechsel, viele alte Kunden kamen seltener oder nicht mehr, hatten plötzlich Familie. Und heute? Die CD-Verkäufe gehen immer mehr zurück, sowohl für neue wie für gebrauchte Ware. Wenn es nicht ein paar Kunden gäbe, die noch CDs haben wollen, würde ich die nicht mehr anbieten, ich brauche die nicht. Vinyl reicht. Aber es ist schwer, das vorauszusehen. Jedoch im Gegensatz zu einem Label, das auch Downloads verkaufen kann, bin ich eben auf ein richtiges Produkt angewiesen. Und ich lege Wert auf den Kontakt zu meinen Kunden, die Gespräche, ich freue mich, wenn ich Leuten Tips geben kann, was man in Düsseldorf so unternehmen kann.

Wie wirkten sich diese Veränderungen ganz allgemein auf deine Käuferschaft aus? Immer mehr Jugendliche auf Klassenfahrt in Düsseldorf?

Ja, schon. Früher kamen die Leute nach Düsseldorf, um sich Doc Martens und Platten zu kaufen, doch Docs gab es irgendwann in jeder Stadt in der Fußgängerzone – und diese Käuferschaft fiel zunehmend weg. Außerdem erschienen immer mehr Platten. Bei Pure Freude gab es Anfang der Achtziger eine Kiste mit Punk-Platten, die schaute man durch und wusste, was so geht, was neu ist. Heute dagegen erscheinen solche Mengen, dass das kaum noch zu überblicken ist. Als Plattenladenbetreiber ist man aber ja nicht die Musikpolizei und versucht, möglichst viel anzubieten, was eigentlich nicht mehr möglich ist. Da ist etwas aus dem Gleichgewicht geraten, und ich denke, die Leute sind vom Angebot überfordert. Die wollen eigentlich nur zwei, drei schöne Platten im Monat kaufen, doch die müssen sie in der Masse erst mal finden. Als Konsequenz bleibt da nur noch, sich zu spezialisieren und das anzubieten, was man selbst gerade gut findet.

Die Aufgabe eines guten Plattenladens besteht also darin, den Kunden an der Hand zu nehmen und ihm eine gute Auswahl anzubieten. Oder ist das viel zu elitär und kann gar nicht funktionieren?

Nein, man muss nur aufpassen, dass man niemanden bevormundet, so in der Art: „Nein, das gibt es hier nicht!“ Aber man muss seine Kunden schon „erziehen“, und dazu bedarf es eines gewissen Selbstbewusstseins. Und man muss damit klarkommen, dass die Kunden im Zweifelsfall immer das haben wollen, was du gerade nicht da hast, sondern erst bestellen musst. Ich habe lange gebraucht, um zu lernen, was man wirklich im Laden stehen haben muss und was nicht. Umso befriedigender ist es, wenn man Leuten bestimmte Platten empfehlen kann, nach dem Motto „Hör dir das mal an, das gefällt dir“, und es dann auch klappt, dass man deren Geschmack trifft.

Kann man als reiner Überzeugungstäter heutzutage einen Plattenladen betreiben, oder ist da ein Geschäftsmann gefragt?

Man muss unbedingt wirtschaftlich denken und Musik als sein Hobby betrachten. Wenn man 50 Stunden die Woche im Laden steht, dann ist man froh, wenn man am Samstag um 18 Uhr zuschließen kann und die ganze Musiksache auch noch leben kann: Party, Konzert, Leute treffen, was trinken. Und ganz klar, richtig Geld kann man mit so einem Plattenladen nicht verdienen.

Wie schwer ist es, sich in Zeiten des allmächtigen Internets mit seinen allgegenwärtigen Verlockungen und Möglichkeiten mit der klassischen Methode des stationären Tonträgerverkaufs zu behaupten?

Das wirkt sich schon mächtig aus. Auch viele meiner Kunden bestellen bei Mailordern wie Flight 13 oder Green Hell, das bekomme ich mit. Ich bin da verständnisvoll, ich habe ja früher auch parallel zum Plattenladenkauf bei Mailordern bestellt. Als Laden konnte man damals nicht so viel anbieten wie ein Mailorder, das ist heute nicht anders. Für viele Platten fehlt mir einfach die Kundschaft. Ein Mailorder kann sich viel stärker spezialisieren und hat nicht die immensen Kosten, die man gerade hier in Düsseldorf mit einem Laden hat. Ein Laden in der Altstadt ist Wahnsinn, die Miete muss man erst mal erwirtschaften, und ein billiger Laden ab vom Schuss, das machen die Kunden nicht mit. Laufkundschaft und Second-Hand-Platten als Sortimentsergänzung sind einfach wichtig. Abgesehen davon war es selbst in vermeintlich coolen, besseren Zeiten in Düsseldorf nie anders. Der harte Kern der Plattenkäufer, das waren damals wie heute vielleicht 70, 100 Leute, und von denen sind zwei Handvoll richtig in die Tiefe gegangen. Deshalb ist man auf Kunden von außerhalb angewiesen.

Wie lange kannst und willst du Hitsville noch machen?

Wenn ich schlecht drauf bin, hoffe ich den 30. Geburtstag von Hitsville noch feiern zu können, und wenn ich gut drauf bin, denke ich, es werden sicher noch zehn Jahre. Ich weiß es also nicht. Warum ich mir das noch antue? Weil es immer wieder Tage, Situationen gibt, die es rausreißen, die einem gut tun, wenn man Leute aus Glasgow im Laden stehen hat, die es nicht fassen können, dass es so einen Plattenladen noch gibt, und sich freuen. Abgesehen davon wüsste ich ja auch nicht, was ich anderes machen sollte. Ich hab ja nichts anderes gelernt, und außerdem ist dieser Plattenladen genau das, was ich immer machen wollte. Und irgendwas scheine ich ja auch richtig zu machen, sonst gäbe es den Laden längst nicht mehr.

Joachim Hiller

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