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Vorstandschef der Düsseldorf AG

Mit dem Tod von Joachim Erwin verliert Düsseldorf seinen außergewöhnlich erfolgreichen Oberbürgermeister und NRW seinen Ausnahme-Kommunalpolitiker. Bürger der Stadt reagierten mit Trauer auf die Nachricht. Kanzlerin Merkel wandte sich in einem nicht veröffentlichten Kondolenzschreiben an die Familie des Verstorbenen.

Die Gesetzesmacher in der nordrhein-westfälischen Landespolitik dachten 1994 gewiss nicht an den einfachen Düsseldorfer Ratsherren Joachim Erwin, als sie die Kommunalverfassung änderten. Doch die 1999 wirksam gewordene Zusammenlegung der Ämter des obersten Repräsentanten und des Verwaltungschefs einer Kommune machte die einmalige Erfolgsgeschichte des Düsseldorfer Oberbürgermeisters Joachim Erwin (CDU), der gestern im Alter von nur 58 Jahren verstarb, erst möglich. Ohne die neue Machtfülle, die das Gesetz dem ersten Bürger der Stadt bescherte, wäre Joachim Erwins Erfolg als Kommunalpolitiker nicht möglich gewesen.

Vom Tag seiner Wahl 1999 an prägte Erwin das Amt. Dass die Rolle der Doppelspitze in einer Person ihm auf den Leib geschrieben war, hatte er wohl geahnt. Seine Partei, die mit ihm nicht immer in Frieden lebende CDU, hatte ihn eher als Zählkandidaten gegen die als populär geltende SPD-Amtsinhaberin Marlies Smeets ins Rennen geschickt.

Als Erwin jedoch siegte, der schon in dem hart geführten Wahlkampf die neuen Gestaltungsmöglichkeiten des Amtes betont hatte und so beim Wahlvolk erfolgreich Zweifel an den Fähigkeiten seiner Kontrahentin säte, ergriff er ohne Zögern die sich ihm bietende Chance. Für das neue Amt des Verwaltungschefs mit repräsentativen Zusatzfunktionen gab es noch keine Vorlage. So schuf sich Rechtsanwalt Erwin seine eigene. „Vorstandsvorsitzender der Düsseldorf AG” beschrieb er sich selbst. Und handelte auch so.

Seine Tatkraft ist in der von ihm aus ihrem Dornröschenschlaf der achtziger und neunziger Jahre erweckten Rheinmetropole buchstäblich in Stein gehauen: die neue LTU-Arena, die das in die Jahre gekommene Rheinstadion ersetzte; die Sanierung und dann der Ausbau der Düsseldorfer Messe, des Flughafens; Einkaufszentren, Kunstausstellungen, die aufpolierte Königsallee; eine Eventkultur ohne Beispiel ­mit all diesen Projekten hauchte Erwin der Großregion neues Selbstbewusstsein ein.

Das Dorf an der Düssel wurde wieder eine attraktive Zuzugs-region mit 586.000 Einwohnern, Tendenz steigend die Makler in der Stadt tragen ihr breitestes Lächeln zur Schau. Der CDU-Politiker setzte dabei besonders auf die so genannten weichen Standortfaktoren: Kunst mit großen Ausstellungen (Matisse, Picasso oder Caravaggio), Kultur mit dem Altstadtherbst und der JazzRally, der Renovierung der Rheinoper; er schuf Grünanlagen in der Stadt, freute sich zuletzt über die Auszeichnung im Rahmen des Wettbewerbs Entente Florale und kündigte die Beitragsfreiheit für die städtischen Kindertagesstätten an.

Erwin erfüllte damit die Erwartungen, die vor allem die Wirtschaft in ihn gesetzt hatte: „Leistungsstarke Mitarbeiter wollen mehr als ein gutes Gehalt, sie wollen ein lebenswertes Umfeld für ihre Familien”, lautete sein Credo.

Als Krönung seines Lebenswerks sah er aber die Schuldenfreiheit der Landeshauptstadt, die er am 11. September vergangenen Jahres mit einer Feier auf dem Burgplatz vor dem historischen Rathaus zelebrierte. Hinweise seiner zahlreichen Kritiker, er habe dafür etwa mit den Stadtwerken Düsseldorf, die in den Besitz der Energiewerke Baden-Württemberg übergingen das Tafelsilber verkauft, wies er zurück: „Wir haben immer noch städtisches Anlagevermögen von zwei Milliarden Euro. Uns gehören unter anderem 50 Prozent des Flughafens, 50 Prozent der Messe, immer noch ein Prozent der RWE-Aktien und gut 25 Prozent der Stadtwerke.”

Nicht immer reagierte er so rational und differenziert auf Kritik. Es gibt viele in der nordrhein-westfälischen Politik und Gesellschaft, zuvorderst seinen alten Parteirivalen Jürgen Rüttgers, die zu Erwin eine ambivalente Beziehung pflegten: voller Respekt für seine politische Leistung, aber auch voller Groll über persönliche Verletzungen, die er ihnen zufügte. Dabei schoss Erwin, seit 2003 von seiner dauerhaften Darmkrebserkrankung gezeichnet, zuletzt häufiger als ohnehin in seinem streitbaren Charakter angelegt, verbal übers Ziel hinaus. Als etwa in diesem Frühjahr ein Bürgerbegehren gegen seine Pläne in Düsseldorf scheiterte, einen Parkplatz für einen Versicherungsneubau freizugeben, schmähte er die 63 000 Wähler, die dafür gestimmt hatten, als unwichtig. Unaufgefordert meldete er sich mit Vorschlägen zur Bundespolitik zu Wort, ungefragt erklärte er Kollegen in Köln („Köln ist zu einer lahmen Ente geworden”) oder im Ruhrgebiet („Die können nicht mit Geld umgehen”), wie sie ihre Kommunen besser regieren könnten.

In der Sache behielt er oft Recht, beliebt machte er sich mit diesen Vorstößen nicht. Nur wirklich selbstbewusste Charaktere wie ein wichtiger Düsseldorfer Bankenchef legten es in ihrem Anekdotenschatz ab, wenn Erwin ihnen an den Kopf warf: „Was Sie sagen, interessiert doch keinen.” Darauf angesprochen, kokettierte der Oberbürgermeister damit, er sei „eben auch der erste Vorsitzende im Verein für deutliche Aussprache”. Erwin, ein Mann mit blitzschneller Auffassungsgabe, wusste aber, dass viele seine Einlassungen weitaus dramatischer wahrnahmen als er selbst. Er nahm es genauso ungerührt zur Kenntnis wie die Tatsache, dass ihm seine Verachtung mittelmäßiger Gleichmacherei als Arroganz ausgelegt wurde.

Hinter seiner Raubatzigkeit verbarg Erwin wie viele Erfolgsmenschen eine hohe Sensibilität. Erwin blieb „ein Alleiner” ein Begriff, den der wortkarge Sauerländer Franz Müntefering einmal für sich prägte, der aber auch auf den aus Thüringen stammenden Erwin passte. Wohl auch diese Eigenart stand der außergewöhnlichen politischen Begabung Joachim Erwin auf dem Weg zu noch höheren politischen Weihen im Weg. Er wusste das und tat es mit einem Schulterzucken ab: „Nirgendwo sonst könnte ich so viel bewegen wie hier in Düsseldorf.”

Das Echo auf Erwins Tod war gestern auch deshalb gewaltig. Manche aber beklagten vor allem den Verlust eines liebgewonnenen Feindbildes. Erwin hätte selbst das als Bestätigung genommen.

Unklar ist, wer ihm in der Düsseldorfer Stadtpolitik nachfolgt. Erwin hatte wie viele große Politiker seine Nachfolge trotz seiner schweren Krankheit nicht thematisiert, erst recht nicht geregelt. Seine Partei, die CDU, favorisiert derzeit ihren Ratsfraktionschef und Ersten Bürgermeister Dirk Elbers. Als weiterer möglicher Kandidat für die vorgezogenen Oberbürgermeisterwahlen im Herbst wird der örtliche Parteichef und Europaabgeordnete Klaus-Heiner Lehne gehandelt.

Die oppositionellen Sozialdemokraten, von Erwin in ihrer einstigen Hochburg an den Rand gedrängt, könnten wiederum ihren Fraktionschef Günter Wurm oder Parteichefin Karin Kortmann, Parlamentarische Staatssekretärin im Berliner Entwicklungshilfeministerium, ins Rennen schicken. Wer immer aber Joachim Erwin folgt, er wird in einem mächtigen Schatten regieren.

Erwin soll am Donnerstag, 29. Mai, auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof beigesetzt werden.

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