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Wer trägt die Schuld am Kurssturz in New York vergangene Nacht? Die New Yorker Börse (Nyse) weist sämtliche Mitschuld zurück, es gebe ein Sicherheitssystem.

War es doch ein Tippfehler und hat der ultraschnelle Computerhandel den Absturz ausgelöst? Es fällt auf, dass Aktien solider Firmen tief abstürzten.

Ein zynischer Regisseur hätte sich das Drehbuch nicht besser ausdenken können. Es ist Donnerstagnachmittag an der Wall Street in New York, als plötzlich Bilder von Krawallen ausBörse Griechenland über die Monitore des Börsenfernsehsenders CNBC flimmern. Die schlechten Nachrichten lösen heftige Verkäufe aus. Der Dow Jones stürzt binnen weniger Minuten um 300 Punkte ab. Doch das ist erst der Anfang. Fassungslos müssen die Händler mit ansehen, wie das Börsenbarometer binnen fünf Minuten um knapp 1000 Zähler abstürzt – der nach Punkten größte Tageseinbruch der Geschichte.

Das gespenstische Schauspiel ist nach etwa 20 Minuten vorbei. Zu diesem Zeitpunkt sind allein beim Dow Jones Werte von 350 Milliarden Dollar vernichtet worden – ebenso viel, wie Griechenland in einem Jahr an Waren und Dienstleistungen produziert. Auf den rasanten Absturz folgt eine fast ebenso schnelle Erholung. Am Ende des verrückten Börsentages bleibt ein Minus von 3,2 Prozent zurück und bei vielen Händlern das mulmige Gefühl, dass irgendetwas gründlich schiefgelaufen ist.

Und dieser Fehler im System ist nicht allein auf die globale Ausbreitung der europäischen Schuldenkrise zurückzuführen. An der Kursentwicklung einzelner Werte zeigt sich deutlich, dass andere Kräfte gewirkt haben müssen. So rauschte die Aktie des Multis Procter & Gamble, für gewöhnlich einer der stabilsten Titel am Markt, binnen zwei Minuten um 35 Prozent in die Tiefe, das Papier der Unternehmensberatung Accenture stürzte zeitweise von 40 Dollar auf einen Cent ab.

Auf der Suche nach den Schuldigen wies die New Yorker Börse (Nyse) sämtliche Mitschuld zurück. Nyse hat ein Sicherheitssystem, um die Verkäufe im Fall einer Börsenpanik zu verlangsamen oder ganz zu stoppen. Börsianer sprechen von „Wellenbrechern“. Vielmehr musste der Auslöser des Bebens wohl aus den Reihen der Marktteilnehmer kommen.

Nach ersten Erkenntnissen der Börsenaufseher handelt es sich vermutlich um menschliches Versagen. Danach könnte die Fehleingabe eines Händlers, im Jargon „fat finger“ genannt, zu einer falschen Order geführt haben, die eine Kette automatischer Verkäufe nach sich zog.

Das ist genau die Crux am immer stärker technisierten Börsenhandel. Um Zeit zu sparen und als Erster Gewinne machen zu können, setzen viele Profis auf die Macht der Computer. Diese handeln in weniger als 300 Mikrosekunden – das ist just 1000 Mal schneller als ein Wimpernschlag – Aktien und Anleihen. Der sogenannte ultraschnelle Computerhandel („high frequency trading“) ist für 60 Prozent der weltweiten Börsenumsätze zuständig.

Zu Fehleingaben ist es schon häufiger gekommen. Einmal orderte etwa ein Händler von Morgan Stanley für zehn Milliarden statt für zehn Millionen Dollar. Ähnliches soll es laut Gerüchten diesmal gewesen sein: Ein Trader habe sich bei einer Verkaufsorder vertippt und 16 Milliarden statt 16 Millionen Aktien abgestoßen und damit eine Kettenreaktion ausgelöst, hieß es.

Für einen privaten Computerbenutzer erscheinen solche Pannen unvorstellbar, wird man doch vor dem Löschen jeder Datei um eine gesonderte Bestätigung angehalten. Im hektischen Handelsalltag hat sich dagegen die Ein-Klick-Technologie durchgesetzt. Allein die Banken haben Sperren, die ab einer bestimmten Summe eine Kontrollabfrage auslösen. Die Auswirkungen solcher Fehler blieben auf die jeweiligen Banken der Händler beschränkt, gäbe es nicht den Handel per Computer.

Kollege Elektronenhirn löst automatisch Kauf- oder Verkauforders aus, wenn bestimmte Kursmarken unter- beziehungsweise überschritten werden. Da alle Rechner ähnlich programmiert sind, kann eine Fehlorder rasch einen Dominoeffekt auslösen, wie er sich jetzt ereignet hat. Diese Rad kann man nicht mehr zurückdrehen, meint Finanzmarktexperte Hans-Peter Burghof. Er fordert strengere Auflagen für den Computerhandel mit Wertpapieren. Denn das Risiko steigt, da die Programme auf immer kleinere Signale anspringen. Die neueste Generation wertet sogar automatisch Nachrichten aus und disponiert entsprechend eigenständig.

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