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Das Bohrleck im Golf von Mexiko ist dicht. Die amerikanische Regierung präsentiert sich optimistisch und glaubt an eine Wende. Dies entsetzt Naturschützer und Wissenschaftler - sie zweifeln an der Glaubwürdigkeit Washingtons.

Auf den „Bohrschlamm“ folgte der Zement. Nach dem erfolgreichen Manöver des „static kill“ durch das Einpumpen einer extrem schweren Lösung vom Mittwoch, mit dem vom Bohrloch her genügend Druck auf das nach oben strömende Öl und Gas ausgeübt werden konnte, wurde am Donnerstag damit begonnen, einen „Stöpsel“ aus Beton auf die am 20. April leckgeschlagene Ölquelle in gut 1500 Metern Meerestiefe zu setzen. Wenn dann noch in den kommenden Tagen eine der beiden seitlichen Entlastungsbohrungen glückt, mittels derer am unteren Ende der Bohrleitung Schlamm und Zement eingefüllt werden, dann kommt die größte Umweltkatastrophe in der amerikanischen Geschichte bald zu einem Ende.

Wenn man der Regierung in Washington glauben darf, wird es ein glimpfliches, ja geradezu glückliches sein. Und das, obwohl bis zur sechzehnfachen Menge Öl im Vergleich zur bisher größten Katastrophe bei der Havarie des Supertankers „Exxon Valdez“ im Prinz-William-Sund in Alaska von 1989 ausgetreten ist. Abermals im Vergleich zur Havarie der „Exxon Valdez“ wurde nach der Explosion und dem Untergang der Bohrinsel „Deepwater Horizon“ im Golf von Mexiko kaum ein Viertel der vor gut zwei Jahrzehnten betroffenen Küstenlinie von Öl verschmutzt.

 

Die amerikanische Regierung zeigt sich optimistisch

Wo also ist das viele Öl geblieben, das bald 100 Tage lang aus dem Bohrloch vor der Küste Louisianas sprudelte? Präsident Barack Obama begrüßte die Nachricht, wonach das Bohrloch vorerst stabil verschlossen ist und zudem der Druck aus der Tiefe neutralisiert werden konnte. Seine Energie- und Umweltberaterin Carol Browner zeigte sich noch optimistischer: „Unsere Wissenschaftler und externe Forscher glauben, dass die allergrößte Menge des Öls nun im Griff ist. Es wurde abgeschöpft. Auch Mutter Natur hat ihren Teil geleistet. Ich glaube, wir haben die Wende geschafft.“ So und ähnlich äußerte sie sich in zahlreichen Fernsehsendern am Mittwoch und Donnerstag. Präsidentensprecher Robert Gibbs fügte hinzu, hätte die Regierung nicht so entschieden Druck auf den britischen Energiekonzern BP ausgeübt, wären die Säuberung an der Golfküste und die Bemühungen um das Verschließen des Bohrlochs langsamer vorangekommen. Auch die Chefin der Nationalen Behörde für Ozeanographie (NOAA), Jane Lubchenco, hob die „sehr robuste Antwort der Bundesbehörden“ hervor.
Nach den von NOAA und dem Washingtoner Innenministerium veröffentlichten Zahlen konnten 17 Prozent des austretenden Öls direkt über dem leckgeschlagenen Bohrloch aufgefangen werden, fünf Prozent wurden an der Oberfläche verbrannt und drei Prozent dort abgeschöpft. Ein Viertel des Öls soll sich nach den offiziellen Angaben mittels natürlichen Abbaus durch Bakterien und dank Verdunstung in der warmen Luft über dem Golf von Mexiko verflüchtigt haben. 16 Prozent sei auf natürliche Weise in kleine Tropfen aufgelöst worden, acht Prozent des Öls sei durch den massiven Einsatz chemischer Lösungsmittel wie „Corexit“ in der Nähe des Bohrlochs zersetzt worden. Nur 26 Prozent des Öls befänden sich als Rückstand auf dem Wasser oder direkt unter der Wasseroberfläche, seien zu Teer verklumpt, an Land geschwemmt, in Sand und Sedimenten begraben oder hingen schließlich in den Marschgräsern der Mississippi-Mündung fest.

Menschen und Meerestiere haben Glück im Unglück gehabt

Wissenschaftler und Umweltschützer zeigten sich aber nicht überzeugt von der regierungsamtlichen Zahlenmystik, wonach mithin fast drei Viertel der fast fünf Millionen Barrel ausgetretenen Öls aufgefangen, verbrannt oder zersetzt worden seien und mithin nur noch knapp ein Viertel – meist in der Form eines dünnen Ölfilms an der Oberfläche – künftig Probleme bereiten könne. Vor allem weisen sie darauf hin, dass das zu Tröpfchen zerfallene Öl – nach NOAA-Angaben zusammen immerhin 24 Prozent der Gesamtmenge – eben nicht verschwunden, sondern allenfalls strukturell verändert worden sei. Damit sei die Hälfte und nicht nur ein Viertel des Öls noch im Wasser. Hinzu kämen riesige Mengen des chemischen Lösungsmittels „Corexit“, über dessen Langzeitfolgen für die Umwelt kaum Erkenntnisse vorlägen. Neben den Temperaturunterschieden – im kalten Wasser vor Alaska klebte das Öl zusammen und führte zum Tod von 250 000 Seevögeln sowie Tausenden Seeottern und Robben, während sich das Öl im warmen Golf von Mexiko löste und buchstäblich verflüchtigte – war in erster Linie der massive Einsatz chemischer Lösungsmittel das wichtigste unterscheidende Merkmal. Nach der Katastrophe von Alaska stellte die Ölindustrie verschiedene Lösungsmittel her, die bei einer möglichen künftigen Katastrophe deren Folgen vor allem weniger sichtbar machen würden. Anders als 1989 in Alaska ließ die Regierung in Washington im Golf von Mexiko den massiven Einsatz von Lösungsmitteln auch in großer Meerestiefe zu. Ob diese zur sinnvollen Bekämpfung der Katastrophe selbst oder nur zur Minderung deren sichtbarer Folgen geschah, ist umstritten.

Ian MacDonald, Professor für Ozeanographie an der Universität von Florida, spricht von „Augenwischerei“ der Regierung ohne wissenschafliches Fundament und erinnert daran, dass Washington nach der Explosion der Bohrinsel am 20. April viel zu lange die viel zu niedrigen Angaben von BP über die Menge des austretenden Öls verbreitet habe. Damit habe Washington Glaubwürdigkeit beim Kampf gegen die Ölpest verloren. „Es bricht mir das Herz, dass sie schon jetzt solche Schlussfolgerungen verbreiten“, sagt McDonald. Michael J. Blum, Biologie-Professor an der Tulane Universität in New Orleans, pflichtet ihm bei: „Das Öl hat seine Konsistenz verändert. Aber aufgelöstes Öl ist immer noch Öl, nur in einer anderen Form.“ Immerhin gesteht auch NOAA-Chefin Lubchenco ein, dass man noch nicht Entwarnung geben könne: „Ich glaube, wir kennen die ganzen Auswirkungen der Ölpest auf das Ökosystem und die Menschen am Golf noch nicht“, sagt Lubchenco. Unbeantwortet seien etwa Fragen danach, welche Auswirkungen das Öl auf die Eier und Larven künftiger Generationen von Fischen, Krebsen und Krabben habe. An ihrem allgemeinen Optimismus änderte das nichts: „Wir sind in der glücklichen Lage, dass die Abbaurate im Ökosystem des Golfs recht hoch ist“, sagt Lubchenco. Wahrscheinlich haben Menschen und Meerestiere am Golf von Mexiko bei der größten Umweltkatastrophe der amerikanischen Geschichte vor allem Glück im Unglück gehabt.

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