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Was für ein Fest! 60 Kilometer mal mindestens zwei Fahrspuren waren noch nicht genug für seine Gäste, das ganze Ruhrgebiet war auf der Straße, auf seiner A 40: drei Millionen! Mindestens. Dass es Vergleichbares nie gab, hat man vorher gewusst.

 „Picknick auf der Autobahn!“, ruft eine Frau im Vorbei-Flanieren, „ist es nicht herrlich?“ Herrlich! Das sagen sie ja alle, die schon am frühen Morgen mit ihrem Hackenporsche die Auffahrten hinaufziehen, mit Körben und diesem unsicheren Blick, als sähen sie die Straße zum ersten Mal: Ist das der Boden, auf dem ich sonst fahre, darf ich darauf wirklich laufen, gehört die A 40 uns? Vorsichtig setzen die ersten die Füße auf den Flüsterasphalt, staunend, und dann stürmen sie die Strecke, schwingen sich über die Leitplanken, auf sie mit Gebrüll! Es ist eine Eroberung.

Kartoffelsalat im Korb

Und Kartoffelsalat die Marschverpflegung. Frikadellen haben die Leute gerollt und den ganzen Sonntagsnachmittagskuchen in Tupper gestopft, nie sah man so viel Guglhupf auf einmal, es ist nicht nur die längste Tafel, auch die längste Tortentheke der Welt. Jeder bringt was mit, so hat es jeder Tisch geregelt, und jeder ist ein Mitesser, so regelt sich der Tag: „Nicht gucken, hinsetzen“ rufen die Ritter der Tafelmeter, „bitteschön, es ist genug für alle da“ und „nehmen Sie sich doch ‘n Kaffee“. So ist der Ruhri. Rührend. Nur muss man ein bisschen aufpassen, wo man sich hinsetzt: Wer zur Musikschule will, sitzt vielleicht schon den Linken auf dem Schoß oder statt auf der Kirchenbank auf der der Lesben nebenan.

Überhaupt war wohl nie so viel Gefühl für Gemeinschaft und auch für die Gegend. Man fotografiert sich gegenseitig, Oma und das Schild in Richtung Huttrop: Ich und meine Ausfahrt. Ungezählte führen ihre Liebeserklärung auf der Brust spazieren: „A 40. Ich war dabei.“ – „Metropole Ruhr.“ – „Ruhrgebeat.“ Sie tragen das neue „Still-Leben“-T-Shirt (und wer noch keins hat, kauft sich eins) und immer wieder Frank Goosens: „A 40. Woanders is’ auch scheiße.“

Dabei ist es gar nicht scheiße, hier feiert die Region sich selbst. Sie kommt mit Fahrrädern, Einrädern, Liegerädern, Dreirädern, Stützrädern, sie kommt auf Turn-, Walking-, Wander- und sogar Lauflernschuhen, und alle im Revier haben endlich einmal dasselbe Ziel. Man grüßt aus Richtung Duisburg herüber nach Richtung Dortmund, „hallo, ihr auch hier?“, singt gefühlte 50-mal das Steigerlied, und irgendwie versteht man an diesem Tag sogar Wolfgang Petry: „Wir sind das Ruhrgebiet!“

Kamelle! im Kostüm

Die von woanders gucken. Aus Bayern sind sie gekommen, aus dem Norden, aus dem Nachbarland, man sieht das an den Kennzeichen der Autos, die alles Ruhrgebiet neben der Autobahn heute zu einem Parkplatz degradieren. „Mutig“, sagen sie erstaunt, und Einheimische antworten dann so: „Das Ruhrgebiet is’ eben wat.“ Es ist: ein paar Castroper, die an der Lärmschutzwand turnen, die „Tunnelfunken“, die im Karnevalskostüm Kamelle schmeißen, und ein Bochumer, der auf der Leitplanke Mittagsschläfchen hält. Es ist singendes Wattenscheid mit Fiege-Fässchen und heute ein Kleinkind, das unter dem Biertisch auf der Autobahn spielt – mit Autos.

Die Gänsereiter haben ihren Tisch neben dem Kindergarten, die Motorradfreunde sind ohne Motorrad gekommen und die VW-Bus-Freunde ohne Bus. Musikanten aus Herne spielen einen Still-Leben-Blues in A – und das, obwohl sie eigentlich am Emscherschnellweg wohnen und nicht an dem der Ruhr. Es wird gewürfelt und Doppelkopf gespielt, Kinder bemalen Bergmannshelme, Opas spielen auf der Autobahn Fangen mit den Enkeln, und auf der Busspur ein paar Jungs „Müller“. Nur die BVB-Fans aus Soest-Börde sitzen etwas allein auf weiter Spur. In Gelsenkirchen! Gar nicht weit aber wird froh gesungen: „So schön war die Zeit!“

Zwar ist es nicht so, dass jeder Tisch ein Tophit wäre, manche sind am Ende frei geblieben und die meisten schlicht Esstische. So gesellig ist der Ruhrbürger schließlich, dass die Idee, ihm eine Tafel zu schenken, seinem Gemüt sehr nahe kam. Es wird also getafelt allerorten, „wir trinken nur“, antwortet in Dortmund jemand etwas kleinlaut auf die Frage nach seinem kulturellen Beitrag für die Autobahn. Aber ist Trink- etwa keine Kultur? Zumal in einer alten Bierstadt.

Stau mal wieder

Und auch die A 40 hat natürlich eine Alltagskultur, und die ist: der Stau. Um viertel nach elf schon steigen die Radler ein erstes Mal ab, und dann fügt es sich, dass sich nichts mehr fügt, wie an jedem normalen Tag des Jahres: in Gelsenkirchen, in Frohnhausen, in Frillendorf und Wattenscheid-West. „Wie immer“, sagen die Leute und lachen einander zu, weil sie ihre Autobahn da endlich wiedererkennen. Die Hassliebe, die jeden hier mit dieser Straße verbindet, ist ein Minus und Plus, macht: Gelassenheit. „Der Fluch des Erfolgs“ nennt es der Veranstalter. Weil so viele kamen, ist kein Platz mehr für viele; sie machen die Auffahrten kurzfristig dicht. Und schöpfen also aus der Erfahrung: eine „Zuflussregelung“.

Dass aber gar niemand gemosert hat, ist natürlich ein Gerücht. Wie dieses auch: „Das wird jetzt häufiger gemacht, die Leute wollen das.“ So wird es wohl doch nicht kommen, denn „Montag“, sagt Rolf Leimann in Wattenscheid, „Montag sind dieselben Leute wieder hier. Aber dann wieder in Blech.“

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