Bewertung: 0 / 5

Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv
 

Die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs gerät scharf unter Druck. Kritiker werfen ihr vor, die Finanzkrise mit angeheizt und erst noch profitiert zu haben – auf Kosten der Kunden.

Am Wochenende sind dazu belastende Mails publik geworden. Am Dienstag muss Konzernchef Blankfein vor dem Senatsausschuss aussagen.

Es brodelt an der Wall Street. Ausgerechnet gegen die seit Jahrzehnten extrem erfolgreiche Investmentbank Goldman Sachs entlädt sich ein Gewitter, wie es die Wall Street selbst auf dem Höhepunkt der Finanzkrise nicht oft gesehen hat. Die Vorwürfe sind heftig: Die amerikanische Börsenaufsicht SEC bezichtigt Goldman des Milliardenbetrugs an den Anlegern. Die ganze Branche muss sich grundsätzlichen Fragen stellen: Was ist illegal – und was ist erlaubt, aber unethisch?

Der Zeitpunkt der Debatte ist pikant: In diesen Wochen will Präsident Obama seine umstrittene Finanzreform durchbringen, die empfindliche Eingriffe ins Investementbanking vorsieht. Der Branche, der die Steuerzahler vor anderthalb Jahren mit Steuergeldern aus dem Sumpf halfen, soll jetzt die Rechnung präsentiert werden. Da kommt es der Politik durchaus gelegen, dass das Vorzeigeunternehmen der Branche am Pranger steht.
Vorwurf des Milliardenbetrugs

Worum geht es konkret? Die amerikanische Börsenaufsicht wirft Goldman Sachs Milliardenbetrug mit einem komplizierten Kreditprodukt unter dem Namen «Abacus 2007-AC1» vor. Abacus war ein synthetisches Derivat (CDO), das von den Kursen im amerikanischen Hypothekenmarkt abhängig war. Solche CDO zu Hypotheken mit schlechter Bonität waren ein Auslöser der Finanzmarktkrise.

Die Instrumente waren zu Wetten auf und gegen den Immobilienmarkt geeignet. Das ist noch nichts Besonderes. Die SEC beschuldigt Goldman indessen, gemeinsame Sache mit dem Hedge-Fonds-Milliardär John Paulson gemacht zu haben, um hypothekengebundene Anlagen an Kunden zu verkaufen, während Paulson darauf spekulierte, dass diese Investitionen wertlos würden. Weil Goldman dies den Anlegern verschwiegen habe, soll die Bank die Investoren mit einer «getürkten Wette» um Milliarden geprellt haben, sagen Kritiker.

Goldman Sachs weist die Vorwürfe zurück. Es sei überhaupt nicht üblich, Investoren die Gegenparteien eines Wertpapiergeschäfts zu nennen. Zudem sei Goldman über Paulsons Rolle nicht im Bild gewesen, da das Wertpapier nicht von der Bank selbst, sondern vom Finanzdienstleister ACA konstruiert worden sei.

«Wir würden nie jemanden vorsätzlich hintergehen, ganz sicher nicht unsere Klienten oder Gegenparteien», hielt Greg Palm, der Chef der Goldman-Rechtsabteilung, vergangene Woche an der Medienkonferenz fest. Die Einschränkung «vorsätzlich» lässt dabei weiten Interpretationsspielraum offen.
Vor den Senatsausschuss zitiert

Am Dienstag müssen Goldman-Chef Lloyd Blankfein, Finanzchef David Viniar und der für das Risikomanagement verantwortliche Craig Broderick vor dem Senatsausschuss zu den SEC-Vorwürfen aussagen. Auch der inzwischen berühmt gewordene Bondhändler Fabrice Torre soll angehört werden.

Dabei werden auch andere umstrittene Geschäfte zur Sprache kommen. Denn am Wochenende sind zahlreiche interne Mails der Goldman-Spitze publik geworden, welche die Stimmung noch mehr anheizen. Laut dem Vorsitzenden des Ausschusses, dem demokratischen Senator Carl Levin, zeigen die Mails, dass Goldman durch Wetten auf den Zusammenbruch des Hypothekenmarktes «enorme Gewinne» erzielt hat. Diese Gewinne soll die Bank verschleiert haben. In ihrem Geschäftsbericht von 2009 hatte die Bank noch behauptet, sie habe «mit Wetten gegen den Wohnungsimmobilienmarkt keine grossen Erträge erzielt».

Die Kritiker führen mehrere Kreditprodukte an, die Goldman während des Immobilienbooms vertrieben hat und die kurz darauf markant an Wert verloren haben. Gemäss den Kritikern soll die Bank gegen eigene Produkte gewettet und damit von den Verlusten eigener Kunden profitiert haben.
Interne Mails publiziert

Als Beleg hat der Ausschuss am Wochenende mehrere E-Mails aus dem Konzern veröffentlicht. Sie werden von der «Financial Times» zitiert. «Natürlich haben wir dem Hypothekendesaster nicht ausweichen können. Wir haben Geld verloren, dann aber mehr gewonnen als verloren, weil wir auf fallende Preise gesetzt haben», heisst es in Blankfeins Mail vom November 2007 an seine Führungskräfte. «Also, es ist nicht vorbei. Wer weiss, wie es letzten Endes ausgeht.»

Andere E-Mails zeigen laut der «Financial Times» die Erleichterung des Managements, dass die Bank Verkaufspositionen arrangiert hatte, als der Markt sich verschlechterte. In einem weiteren Mail reagierte ein Goldman-Manager auf die Rating-Herabstufung verbriefter Hypothekenkredite im Volumen von 32 Mrd. Dollar wie folgt: «Das klingt so, als würden wir jetzt richtig fett Geld machen.» Ein Kollege antwortete: «Ja, wir sind gut aufgestellt.»

Levin wirft Goldman und anderen Investmentbanken vor, sie hätten nicht einfach neutral im Kundenauftrag agiert. «Sie hatten starke Eigeninteressen, riskante und komplizierte Finanzkonstrukte in den Markt zu drücken, die die Krise befördert haben», sagte er laut der «Financial Times». Die Banken hätten riskante Hypotheken zu komplexen Finanzinstrumenten gebündelt, die Ratingagenturen dazu gebracht, diese mit Topnoten zu versehen und sie an Investoren verkauft. «Allzu oft haben sie gegen die Instrumente gewettet, die sie selbst verkauft haben, und auf diese Weise auf Kosten ihrer Kunden profitiert», sagte Levin.
Goldman in der Offensive

Die kritisierte Investmentbank lässt die Vorwürfe nicht auf sich sitzen. 2007 und 2008 hätten die Geschäfte mit Finanzprodukten aus gebündelten Immobilienkrediten der Bank einen Verlust von mehr als 1,2 Mrd. Dollar beschert, sagte Goldman-Sachs-Sprecher Lucas van Praag.

Das Unternehmen kritisierte die Veröffentlichung der Mails. Der Senatsausschuss habe aus den zwanzig Millionen Seiten Dokumente und E-Mails «vier E-Mails herausgepickt», hielt Banksprecher van Praag fest. «Es ist besorgniserregend, das der Ausschuss seine Schlüsse bereits gezogen zu haben scheint, bevor es überhaupt eine Anhörung dazu gab», sagte van Praag.
SEC unter Beschuss

Aber auch die Regierung und die Börsenaufsicht SEC geraten unter Beschuss. An der Wall Street wird der Vorwurf eines inszenierten politischen Schauprozesses erhoben. Die SEC muss sich fragen lassen, warum sie ausgerechnet kurz vor Beginn der Debatte im Senat über die Reform der Finanzmarktregulierung die Klage bekannt machte. Nach Kongressangaben ist die Angelegenheit seit Längerem pendent: Goldman sei bereits am 30. Juni 2009 vorgeladen worden. Die SEC hat den Vorwurf, der Zeitplan sei politisch motiviert gewesen, zurückgewiesen und leitete ihrerseits eine interne Prüfung ein.

SeitenURL :
Qr Code