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Japan: Arbeitnehmer sollen mit Handy-Sensoren überwacht werden

Sensoren machen Smartphones klug. Sie reagieren auf Bewegung und erleichtern die Bedienung. In Japan sollen sie jetzt benutzt werden, um Mitarbeiter zu überwachen. Kritiker warnen vor Big Brother. Die totale Überwachung verstoße gegen Menschenrechte.

Smartphones wie das Apple-Handy iPhone merken, wenn man sie bewegt. Dreht man das iPhone um 90 Grad, wechselt die Anzeige wie von Geisterhand vom Längsformat ins Querformat. Schuld sind die eingebauten Beschleunigungssensoren. Sie reagieren auf jede Bewegung und werden in immer mehr Smartphones verbaut.


Per iPhone morgens leichter aufstehen?

Beschleunigungssensoren(Externer Link - Öffnet in neuem Fenster) können aber noch
viel mehr als nur die Bildschirmansicht wechseln. Mit ihrer Hilfe lässt sich das iPhone etwa zur Wasserwaage "umbauen" oder als "Schlafphasenwecker" nutzen: Das Handy wird auf die Matratze gelegt, und der Beschleunigungssensor misst die Erschütterungen, die durch Bewegungen im Schlaf entstehen.

In Tiefschlafphasen bewegt man sich weniger, in leichten Schlafphasen mehr. Innerhalb eines voreingestellten Zeitraums weckt das iPhone dann, wenn die Anwendung eine leichte Schlafphase erkennt. Dadurch werde das Aufstehen morgens erleichtert, verspricht der Hersteller dieser Anwendung. Schlafforscher halten die Anwendung für Unsinn. Dennoch ist gerade diese iPhone-App ein Renner.

Lückenlose Überwachung am Arbeitsplatz

Der japanische Telekom-Konzern KDDI hat nun entdeckt, dass Beschleunigungssensoren auch für ganz andere Zwecke einzusetzen sind. In Unternehmen ermöglichen sie die lückenlose Überwachung der Mitarbeiter. Der Konzern hat nämlich eine Technologie entwickelt, die die Daten der Sensoren mit hoher Präzision analysiert. Dadurch lasse sich bestimmen, was eine Person, die ein entsprechendes Handy bei sich trägt, gerade macht: Ob sie gerade geht oder läuft, eine Treppe hochsteigt oder welche Arbeit sie gerade verrichtet.


Die Bewegungsdaten werden von den Beschleunigungssensoren aufgezeichnet und an einen zentralen Rechner geschickt. Hier werden die Daten ausgewertet und bestimmten Tätigkeiten zugeordnet. Dadurch lässt sich dann zum Beispiel zweifelsfrei ermitteln, ob eine Reinigungskraft auch wirklich den Boden wischt, fleißig Fenster putzt, Papierkörbe entleert oder gerade eine Zigarettenpause macht.

"Ein fürsorgliches System"

"Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir Unternehmern die Möglichkeit bieten können, das Verhalten ihrer Mitarbeiter genauer unter die Lupe zu nehmen", sagte Hiroyuki Yokoyama, Forschungschef beim KDDI-Konzern, der BBC. Das sei besonders dann von Vorteil, wenn Mitarbeiter nicht zentral in einem Gebäude, sondern wie etwa Reinigungskräfte, verstreut an verschiedenen Orten eingesetzt würden.


Mit Big Brother habe das alles nichts zu tun, wiegelte Yokoyama ab. Es gehe nicht darum, Arbeitnehmer lückenlos zu überwachen und ihr Recht auf Privatsphäre zu beschneiden. Yokoyama will sein System eher als ein fürsorgliches, "bemutterndes" System verstanden wissen, das Arbeitgebern helfe, das Verhalten ihrer Mitarbeiter besser zu verstehen. Dass es letztlich dazu diene, die Arbeitsleistung zu steigern, muss allerdings auch Yokoyama eingestehen.

"Menschen wie Vieh kontrollieren"

Kritiker lassen an diesem System kein gutes Haar. "Damit werden Menschen wie Maschinen behandelt. Oder wie Vieh, das ständig kontrolliert und beobachtet werden muss", sagte Kazuo Hizumi, Menschenrechtsanwalt aus Tokio. Das Überwachungssystem, das KDDI entwickelt habe, sei durch nichts zu rechtfertigen. "Neue Technologien sollten dazu benutzt werden, unser Leben zu verbessern, nicht um uns auszuspionieren."

Hierzulande wäre ein solches Szenario totaler Überwachung am Arbeitsplatz ein Verstoß gegen grundlegende Prinzipien des deutschen Arbeitsrechts. Schon die dauerhafte Überwachung durch Videokameras ist mit deutschem Recht nicht zu vereinbaren, hat das Bundesarbeitsgericht Mitte 2004 entschieden. Eine solche anlasslose Überwachung greife zu tief in die Persönlichkeitsrechte der Arbeitnehmer ein.

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