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Bundesweite Demonstrationen für bessere Bildung

StreikInMainz"Bildung für alle und zwar umsonst": Mit solchen Parolen haben Schüler und Studenten bundesweit für bessere Bildung demonstriert. Ein Hauch von Anarchie lag in Mainz in der Luft: Das Abgeordnetenhaus wurde gestürmt - mit jeder Menge Klopapier.

Am Anfang des Demo-Tages ist alles in guter Ordnung. Schüler und Studenten demonstrieren friedlich in Mainz. Es wird getrommelt, getanzt und gesungen. Auch für die Polizisten gibt es nur wenig zu tun. "Bis auf die Verkehrsbeeinträchtigungen ist die Lage ruhig", urteilt ein Beamter. Doch kurz vor dem Ende des Zuges kommt die unerwartete Wende: Im Mainzer Regierungsviertel stürmen Schüler und Studenten das Abgeordnetenhaus des rheinland-pfälzischen Landtags. Klorollen werden geschmissen, Plakate aufgehängt und Forderungen an die Politiker verlesen - Anarchie liegt in der Luft.
 
230.000 bundesweit auf den Straßen

Der Demonstrationstag ist der Höhepunkt einer bundesweiten Streikwoche. Schüler und Studenten wollen auf ein gemeinsames Ziel aufmerksam machen: bessere Bildung. Sie fordern bessere Lernbedingungen und Änderungen am Bologna-Prozess, der das Uni-Studium in Bachelor und Master umstrukturiert hat. Die Schüler protestieren gegen zu große Klassen und das Turbo-Abitur. In ganz Deutschland waren nach Angaben der Organisatoren rund 230.000 Demonstranten auf den Straßen. Der größte Protest fand in Berlin statt: Nach Angaben der Veranstalter gingen dort 20.000 Menschen auf die Straße, die Polizei spricht von 12.000.

Die Demo in Mainz war kleiner - aber nicht weniger spektakulär. "Angemeldet hatten wir um die 500 Demonstranten, aber ich schätze, dass es anfangs um die 3000 waren", sagt Jan Hendrik Matthey, der sich in der Mainzer Gruppe des Bündnisses Bildungsstreik2009 engagiert. Für den Medizinstudenten bedeutete das eine Menge Arbeit - auch schon lange vor der Streikwoche: "Fürs Studium blieb im letzten Semester nicht allzu viel Zeit. Seit März war die Planung dann mein Full-Time Job", sagt er.

"Streik soll sichtbar sein"

Für Matthey hat sich der Einsatz gelohnt - die Mainzer Organisatoren sehen die Demo als vollen Erfolg an. Denn für bessere Bildung machen viele Studenten gerne blau, wenigstens an einem Tag. Lisa Moßner beteiligt sich durch die Demo das erste Mal an der Streikwoche. "Wenn man streikt, dann sollte das auch sichtbar sein", sagt sie. "Ich will ein Zeichen setzen. Mit der Demo sehen Politiker und Bürger, dass uns Studenten was nicht passt."

Auch Christian Mollière ist bei der Demo dabei - auch wenn sein Schulleiter angeordnet hatte, dass alle Schüler in den Klassen bleiben sollen. Dem 15-Jährigen sind die Konsequenzen egal, seine Eltern unterstützen ihn. "Die Bildungssituation für Schüler in Deutschland ist schlecht. Zum Beispiel haben wir kein Geld für Projekte mehr an der Schule. Der Projekttag musste ausfallen", sagt Mollière.

Auch wenn der Protest auf der Straße groß ist - nicht alle Schüler und Studenten sehen das deutsche Bildungssystem so kritisch, die meisten bleiben in den Horsälen und Klassen. So wie Tobias Gebert. "Mir sind die Vorlesungen zu wichtig. Außerdem geht es uns doch total gut in Rheinland-Pfalz. Wir zahlen keine Studiengebühren", begründet er seine Streik-Unlust. Anna Pregler schaut sich das Spektakel lieber aus sicherer Entfernung an. Als die Demo vorbeizieht, sitzt sie mit einer Freundin auf den Stufen ihrer Schule. "Ich kann den Streik prinzipiell nicht vertreten", sagt die 18-Jährige. "Die Forderungen der Studenten kann ich schon verstehen, aber bei uns Schülern ist doch eigentlich alles okay - bis auf die zu großen Klassen."

"Im ganzen Gebäude Toilettenpapier"

Alles okay? Für die Demonstranten ist es das nicht - und für die Mainzer Landtagsabgeordneten bald auch nicht mehr. Am Mittag stürmt eine Gruppe das Abgeordnetenhaus, die Schüler und Studenten wollen den Parlamentariern "persönlich die Meinung sagen". Dutzende junge Leute besetzen die Gänge, die Polizei spricht von 70 Eindringlingen. "Das sieht aus wie nach einer kleinen Schlacht", beklagt Landtagssprecher Dieter Lang später. Die Demonstranten hätten Wände mit Parolen beschmiert, Aufkleber hinterlassen und Teile einer Ausstellung zum 20. Jahrestag des Mauerfalls entwendet. Zudem hätten sie große Mengen Toilettenpapier im Gebäude verteilt, sagte Lang: "Ich gehe davon aus, dass Landtagspräsident Joachim Mertes Strafanzeige stellen wird."

Doch die Anarchie ist schnell vorbei: Nach einer Verwarnung durch die Polizei verlassen die Demonstranten das Abgeordnetenhaus nach einer knappen halben Stunde wieder friedlich. Doch der Bildungsstreik geht weiter: Für Donnerstag ist in vielen Städten ein Tag des zivilen Ungehorsams angekündigt: Studenten wollen symbolisch Banken überfallen. 

 

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