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Es ist der mit Abstand größte Rückgang seit Beginn der Erhebungen 1970: Die deutsche Wirtschaft ist im ersten Quartal 2009 um 3,8 Prozent geschrumpft.

Damit geht das Bruttoinlandsprodukt zum vierten Mal in Folge gegenüber einem Vorquartal zurück. Es ist die tiefste Rezession der Nachkriegsgeschichte.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist im ersten Quartal so stark geschrumpft wie seit Beginn der Datenaufzeichnung 1970 nicht. Nach einer vorläufigen Schätzung des Statistischen Bundesamtes ging das BIP in den ersten drei Monaten 2009 um 3,8 Prozent gegenüber der Vorperiode zurück - es ist der vierte Rückgang in Folge. Volkswirte hatten im Durchschnitt mit einem Minus von drei Prozent gerechnet. Gegenüber dem Vorjahresquartal lag der Rückgang sogar bei 6,9 Prozent.

Die weltweite Rezession trifft Deutschland als Exportweltmeister besonders hart: Nach Berechnungen von Volkswirten hat der aktuelle Abschwung die Wirtschaft auf das Niveau von 2005 zurechtgestutzt. Die Ausfuhren brechen ein, gleichzeitig ist die Binnennachfrage im internationalen Vergleich schwach. Die Regierung erwartet für 2009 ein Wachstumsminus von sechs Prozent. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet mit minus 5,6 Prozent. Die Rezession schlägt sich in niedrigeren Steuereinnahmen nieder. Der Steuerschätzerkreis beziffert die zu erwartenden Ausfälle für Bund, Länder und Gemeinden bis 2013 auf 316 Mrd. Euro.

Exporte und Investitionen brechen ein

Das Bundesamt korrigierte zudem die BIP-Entwicklung im vierten Quartal 2008 leicht um 0,1 Prozentpunkte auf minus 2,2 Prozent nach unten. Der beispiellose Rückgang des BIP ist den Statistikern zufolge vor allem auf den schwachen Außenbeitrag zurückzuführen. Die preisbereinigten Exporte seien zu Jahresbeginn deutlich stärker zurückgegangen als die Importe. Aber auch die Investitionen seien "erheblich niedriger" als im Vorquartal, hieß es in der Mitteilung des Statistischen Bundesamts. Einzig die privaten und staatlichen Konsumausgaben seien leicht angestiegen. Die ausführlichen Ergebnisse zur wirtschaftlichen Lage im ersten Quartal werden am 26. Mai vorgelegt.

Volkswirte reagierten alarmiert. "Die deutschen Zahlen sind schlechter als gedacht. Die Risiken für die gesamte Eurozone sind jetzt klar nach unten gerichtet", schrieben die Experten von Unicredit in einem Bericht. "Wir sind der Überzeugung, dass das erste Quartal den Tiefpunkt der Rezession in der Eurozone darstellt."

Tiefpunkt erreicht?

Ähnlich legte Carsten Brzeski, Volkswirt bei ING, die Zahlen aus: "Das ist zwar keine wirkliche Überraschung, aber immer noch schockierend." Wer gedacht habe, dass bereits der Einbruch im vierten Quartal schlimm war und nicht übertroffen werden könnte, der sei nun eines Besseren belehrt worden. Immerhin zog Brzeski ein positives Fazit: "Das Schlimmste sollte jetzt überstanden sein. Der freie Fall der deutschen Wirtschaft ist gestoppt." Stimmungsindikatoren verbesserten sich, die Auftragseingänge und Exporte stiegen an, außerdem stabilisiere sich die Produktion. "In dieser Rezession sind selbst bescheidene Aufwärtssignale gute Nachrichten", sagte Brzeski.

Die Hoffnungen ruhen darauf, dass Konjunkturpakete weltweit den Abschwung aufhalten. Deutschland selbst stützt die eigene Wirtschaft mit 82 Mrd. Euro. In den vergangenen Wochen gab es erste erfreuliche Anzeichen. So stagnierte die Industrieproduktion im März, gleichzeitig kletterten die Exporte zum ersten Mal seit einem halben Jahr. Auch Unternehmen überraschten positiv: Der Chemiekonzern BASF übertraf die Gewinnprognosen der Analysten. Trotzdem herrscht keine Euphorie. Bundesbankpräsident Axel Weber erwartet ein BIP-Wachstum erst für die zweite Jahreshälfte 2010.

Deutschland ist in Europa bei weitem kein Einzelfall. Das Europäische Statistikamt Eurostat veröffentlicht am Freitag (11.00 Uhr MESZ) Zahlen zur Wirtschaftsleistung der Eurozone. Die Konsensprognose liegt bei einem BIP-Minus von zwei Prozent im ersten Quartal gegenüber der Vorperiode. Bereits bekannt sind die Zahlen Frankreichs: Die Wirtschaft des westlichen Nachbarn schrumpfte im ersten Quartal um 1,2 Prozent.

Neue Konjunkturdaten aus Spanien hatten am Donnerstag die Sorge um eine tiefere Rezession in diesen 16 Ländern angeheizt: Das BIP des Landes schrumpfte im ersten Vierteljahr nach vorläufigen Zahlen um 1,8 Prozent im Quartalsvergleich und um 2,9 Prozent zum Vorjahreszeitraum. In den letzten drei Monaten 2008 war die Wirtschaftsleistung um ein Prozent zurückgegangen. Die neunmonatige Rezession ist damit die schwerste, die Spanien seit einem halben Jahrhundert erlebt.

Das Land hatte jahrelang von einem zum großen Teil auf Pump finanzierten Immobilienboom profitiert, der mit der Krise aber jäh zu Ende gegangen ist. Nun leidet es daher stärker als die anderen EU-Staaten: Die Europäische Kommission erwartet, dass Spanien wahrscheinlich 2011 als letztes Mitgliedsland wieder Wachstum verzeichnen wird.

Besonders deutlich zeigt sich die Misere am Jobmarkt: Die Arbeitslosenquote kletterte im ersten Quartal auf 17,4 Prozent. Das ist doppelt so hoch wie der EU-Durchschnitt. Zuletzt hatten die Fluglinie Iberia und der Lagersystem-Spezialist Mecalux Stellenabbau beziehungsweise Arbeitszeitverkürzungen angekündigt. Arbeitgeber und Experten fordern flexiblere Regeln für den Arbeitsmarkt, was Premierminister Jose Luis Rodriguez Zapatero angesichts sinkender Umfragewerte für seine Regierung aber ablehnt.

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