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Bundespräsident Köhler hat die Gesellschaft zum Kampf gegen Gewaltverherrlichung aufgerufen. Nachfolgend Auszüge aus seiner Trauerrede für die Angehörigen der Opfer und des Täters von Winnenden.

Bundespräsident Horst Köhler hat die Gesellschaft zum Kampf gegen Gewaltverherrlichung in Filmen und Computerspielen aufgerufen. Nicht nur der Staat sei hier gefordert, sagte das Staatsoberhaupt am Samstag bei der zentralen Trauerfeier für die Amok-Opfer von Winnenden. Im Folgenden dokumentiert die Nachrichtenagentur AP die Rede in Wortlautauszügen:

«(...) Amokläufe wie der in Erfurt, in Emsdetten und jetzt hier in Winnenden und Wendlingen führen uns auf schmerzliche Weise vor Augen, wie verletzlich und zerbrechlich unser Leben ist, wie trügerisch unser Gefühl von Normalität und Sicherheit. (...)

Wir haben in den letzten Tagen auf schmerzliche Weise gespürt, was wirklich wichtig ist im Leben. Wirklich wichtig ist, dass wir spüren, wenn einer verletzt ist und Hilfe braucht. Dass wir uns unserer eigenen Verletzlichkeit und unserer eigenen Grenzen bewusst sind. Wir brauchen den Trost, das Schweigen, das Zuhören und das Einfach-nur-Dasein unserer Mitmenschen.

Wirklich wichtig ist, dass wir uns umeinander kümmern, dass wir uns gegenseitig annehmen und dass wir füreinander da sind. (...) Doch es bleiben Fragen an uns alle: Tun wir genug, um uns und unsere Kinder zu schützen? Tun wir genug, um gefährdete Menschen vor sich selbst zu schützen? Tun wir genug für den inneren Frieden, den Zusammenhalt? Wir haben uns auch alle selbst zu prüfen, was wir in Zukunft besser machen, welche Lehren wir aus dieser Tat ziehen müssen.

Zum Beispiel wissen wir doch schon lange, dass in ungezählten Filmen und Computerspielen extreme Gewalt, die Zurschaustellung zerstörter Körper und die Erniedrigung von Menschen im Vordergrund stehen. Sagt uns nicht der gesunde Menschenverstand, dass ein Dauerkonsum solcher Produkte schadet? Ich finde jedenfalls: Dieser Art von «Marktentwicklung» sollte Einhalt geboten werden. Nicht nur der Staat ist da gefordert. Es ist auch eine Frage der Selbstachtung, welche Filme ich mir anschaue, welche Spiele ich spiele, welches Vorbild ich meinen Freunden, meinen Kindern und Mitmenschen gebe. Zur Selbstachtung gehört es, dass man «Nein» sagt zu Dingen, die man für schlecht hält - auch wenn sie nicht verboten sind. Die meisten von uns haben ein Gespür für Gut und Böse.

Also handeln wir danach! Helfen wir denjenigen, die sich in medialen Scheinwelten verfangen haben und aus eigener Kraft nicht mehr zurückfinden. Helfen wir auch Eltern, denen ihre Kinder zu entgleiten drohen. Und schauen wir auch genau hin, welche Bilder wir uns von unseren Mitmenschen machen, welche Menschenbilder wir in unserer Umgebung akzeptieren und von welchen wir uns selbst beeinflussen lassen: Welche Erwartungen haben wir an andere? Wie schön, klug und kraftvoll muss einer sein, um dazuzugehören? Und wie verloren muss sich einer fühlen in einer Gesellschaft, die täglich scheinbare «Stars» produziert und sie morgen schon wieder vergessen hat? Was wird aus denen, die solchen Bildern nicht entsprechen? Wie schnell fällt einer aus dem Rahmen - nur weil er anders ist, als wir es von ihm erwarten; nur weil wir zu bequem sind, um nachzudenken und unsere Schablonen zu korrigieren? Einen Menschen so wahrzunehmen, wie er ist - das ist die wichtigste Voraussetzung, um einander verstehen und annehmen zu können, um einander zu helfen.

(...) Es ist gut zu wissen, dass unser Land in dieser Stunde der Trauer zusammensteht und dass Menschen überall auf der Welt Teil dieser Trauergemeinde sind. (...) Ganz Deutschland trauert mit Ihnen. Sie sind nicht allein.»

 

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