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Kursturbulenzen bei United Airlines durch eine Kette von Computerpannen?

Rasanter Sinkflug für United Airlines: Ein veralteter Online-Artikel aus dem Jahr 2002 brachte den Aktienkurs der US-Fluggesellschaft am Montag zum Absturz. Menschliches Versagen oder Fehler im System? Die Suche nach den Ursachen hat begonnen.

Vor sieben Jahren ist Google News, das Nachrichtenportal der US-Suchmaschine Google, mit dem hehren Ziel gestartet, frischen Wind in die großen Online-Nachrichtenportale zu pusten. Schneller als die Konkurrenz wollte man sein und den Nutzern einen aktuellen Überblick über das Nachrichtengeschehen präsentieren. Seitdem durchforstet die Suchmaschine rund um die Uhr weltweit mehr als 7000 Nachrichtenquellen.

Klicks am laufenden Band

Für die US-Ausgabe werden rund 4500 Online-Medien durchsucht, darunter auch die in Südflorida erscheinende Tageszeitung "Sun-Sentinel". Dabei entdeckten Googles Suchprogramme in der Nacht vom 7. auf den 8. September einen Artikel, der die Pleite der US-Fluggesellschaft United Airlines meldete. Die Meldung war sechs Jahre alt und sollte eigentlich im Archiv der Tageszeitung schlummern. Wie der Artikel in die aktuelle Online-Ausgabe gelangte, ist bis dato ungeklärt.

Man habe über die Probleme der wirtschaftlich angeschlagenen Fluggesellschaft keine neuen Meldungen herausgebracht, versichert der Verlag. "Und die alte Geschichte wurde auch nicht wieder veröffentlicht." Dennoch wurde die betagte Meldung an diesem frühen Montagmorgen offenbar so häufig angeklickt, dass sie es bei "Sun-Sentinel" in die Liste der am häufigsten aufgerufenen Artikel schaffte.

Woher das neuerliche Interesse an dieser Meldung kam, ist unklar. Das "Wall Street Journal" vermutet einen Zusammenhang mit den Stürmen, die am letzten Wochenende über Südflorida hinweggefegt sind. Zahlreiche Surfer könnten im Netz nach Flugabsagen bei United Airlines gesucht haben und dabei auf die sechs Jahre alte Nachricht gestoßen sein. Durch Klicks am laufenden Band könnten sie der alten Meldung zu neuer Popularität verholfen haben.

Eine Kontrolle findet nicht statt

Ungeklärt ist auch, ob der fragliche Artikel ein Veröffentlichungsdatum enthielt. Die Vorschau des kostenpflichtigen Archivartikels trägt die Datumsangabe "Dec. 9". Eine Jahreszahl fehlt. Die sei auch gar nicht nötig, meint der Chicagoer Verlag, zu dem der "Sun-Sentinel" gehört: "Die Geschichte enthält Informationen, die jedem Leser eindeutig klar machen müssen, dass sich der Artikel auf Ereignisse aus dem Jahr 2002 bezieht."

Was für Zeitungsleser gelten mag, muss noch lange nicht für Googles Suchprogramme gelten. Sie verarbeiten unterschiedslos alle Meldungen, die sie auf einem Nachrichtenportal finden. Anschließend werden die Meldungen anhand von Schlüsselbegriffen sortiert und in die Datenbanken von Google News eingespeist. Die Webseite wird vollautomatisch erstellt. Eine redaktionelle Kontrolle durch Redakteure aus Fleisch und Blut findet nicht statt.

Die Folgen waren in diesem Fall fatal. Wer bei Google News am frühen Montagmorgen nach "United Airlines" suchte, erhielt als Ergebnis auch den Link zum veralteten Artikel aus Südflorida. Einen Hinweis darauf, wann der Artikel erschienen war, enthielt die Google-Nachrichtenübersicht nicht. Stattdessen bekam der Artikel von Googles Redaktionsrobotern einen variablen "Zeitstempel" verpasst: "Vor x Stunden gefunden".

United-Airlines-Kurs schmiert ab

Die Falschmeldung erreichte über Google News schnell einen großen Leserkreis, darunter auch einen Börsenprofi der Beratungsfirma Income Securities Advisors. Er habe den fraglichen Link während einer Routinesuche nach "Insolvenzen im Jahr 2008" entdeckt, sagte der Börsenfachmann der "New York Times". Der zugehörige Artikel habe sich auf der Webseite des "Sun-Sentinel" befunden.

Der Börsenprofi leitete die Meldung ungeprüft an die Finanznachrichtenagentur Bloomberg weiter. Schon Minuten später stürzte der Kurs der United-Airlines-Aktie von zwölf auf drei Dollar ab. United Airlines reagierte sofort und wies den Bericht als Falschmeldung zurück. Der Handel mit United-Airlines-Aktien wurde unterbrochen.

Die extrem heftige Börsenreaktion sei auf die wirtschaftliche Lage zurückzuführen, in der sich die angeschlagene Fluggesellschaft derzeit befinde, sagen Börsenprofis. Die Falschmeldung wurde sofort für plausibel gehalten. Schließlich sei der Kurs der Fluglinie in den vorangegangenen Monaten schon einmal drastisch abgestürzt. Das "Wall Street Journal" ist anderer Meinung. Schuld am minutenschnellen Kurssturz sei nicht zuletzt der automatisierte Börsenhandel, schreibt das Blatt.

Programme verkaufen Aktien automatisch

Zur Auswertung der Datenfluten, die von den Finanz- und Nachrichtenagenturen im Sekundentakt verbreitet werden, setzen Börsenprofis verstärkt Computerprogramme ein. Die Händler legen nur noch fest, ab wann eine Aktie gekauft oder abgestoßen werden soll. Alles andere erledigt die Software automatisch - falsche Entscheidungen aufgrund von fehlerhaften Daten inklusive. Bevor der Händler etwas merkt, hat das Programm schon seine Aktien abgestoßen.

United Airlines will den Vorfall untersuchen lassen. Das Unternehmen beschuldigt den "Sun-Sentinel", die Falschmeldung in Umlauf gebracht zu haben. Auch das Chicagoer Verlagshaus, zu dem der "Sun-Sentinel" gehört, hat eine Untersuchung angekündigt. Im Mittelpunkt steht hier die Frage nach der Rolle, die das Google-News-System bei der Verbreitung des alten Artikels gespielt hat.

Google weist derweil jede Schuld von sich. Der Artikel sei zwar bei Google News aufgetaucht, allerdings nicht als Aufmacher, stellte ein Google-Sprecher klar. Außerdem habe man den fraglichen Artikel umgehend entfernt, als der Fehler bekannt geworden sei.

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