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Die Mega-Giga-Super-Revue 

Vielleicht können wir erst später begreifen, was an diesem Abend passiert ist. Einstweilen ist da nur eine Ahnung: Das war kein Konzert, das war mehr, irgendwas Neues, Richtungweisendes. Dieser dicke Brei aus Ton, Licht, Bass und Tanz, in dem man für die Dauer von zwei Stunden versank, hatte etwas von einer Revue, einer Mega-Giga-Super-Revue, und ihr Thema war Leben und Wirken der blonden Frau, die 38.000 Menschen in der LTU-Arena pappsatt, mit offenen Mündern und ein bisschen verwirrt zurückließ: Madonna.

 

 

Die 50-Jährige variiert zunächst den Motivkreis Gangstertum, schwarze Klamotten, große Gesten, glitzernde Brillies. Die Bühne ist gerahmt von zwei gewaltigen Buchstaben, zwei Mal ein Funkel-M. Ein Steg führt weit in das Publikum hinein. Am Ende des Stegs gibt es einen Tanzboden und darüber eine kreisförmige Projektionsfläche. Madonna wird zum Song „Candy Shop” auf die Bühne gehoben, auf einem Thron, sie ist die Königin des Pop. Schwitzende Körper tanzen um sie herum, als sie „Vogue” singt. Madonna macht Druck, sie wird den Fuß nicht mehr vom Gas nehmen. Es ist alles ein bisschen viel.

 

Man ist erschlagen von den Sounds, die aus den Lautsprechern wüten. Madonna bringt keinen ihrer Titel in einer Version, die es auf CD gibt. Sie donnert Lieder wie „La isla Bonita”, „Ray of Light” und „Into the Groove” bis zum Gehtnichtmehr auf, lässt Beats drunterlegen, Gitarren hineinfräsen, elektronisches Füllmaterial aufgießen, fremde Stimmen untermischen. Sie bittet eine Sinti-Band auf die Bühne, eine Gastsängerin, einen DJ, Heerscharen von Tänzern, und später kommt noch Justin Timberlake überlebensgroß von Video zum Duett. Die Musik ist extrem hart, „Borderline und „Hung up” etwa sind nicht mehr Disco, sondern breitbeiniger Metal. Die Bässe schlagen in der Magengrube ein, sie kontrollieren, sie schütteln dich, sie machen tanzen und lächeln und staunen. Die tiefen Frequenzen sind die Dum-Dum-Geschosse der Künstlerin mit der ein wenig sauerkrautigen Frisur. High durch Schall.

Man merkt bald: Das hier ist kein Ort der Wiederbegegnung mit beliebten Hits. Das ist ein Umerziehungscamp. Die Show hat keine Parallelen zu Madonnas Besuch am selben Ort vor zwei Jahren. Dieser Auftritt während der „Sweet & Sticky”-Tour ist eine freie Assoziation mit Motiven aus 25 Jahren Pophistorie, er ist eine hyperkolorierte Erzählung, ein überkandideltes Singspiel, eine superlativische Demonstration der Verführungsgewalt zeitgenössischer Medieneffekte. Man weiß nicht genau, warum etwas so und nicht anders inszeniert wurde, aber so viel ist doch klar: Die Story lässt sich in einem Satz zusammenfassen. Wie ich werde, was ich bin.

Vier Akte umfasst der völlig humorlos und ironiefrei als Spitzensport-Ereignis auf die Bühne gelegte Egotrip. Neben dem Ausflug in die Unterwelt nimmt Madonna alle mit ins New York der frühen 1980er Jahre, dann nach Bukarest zu den Gypsy-Musikern und am Ende in die Disco. Dabei ist sie etwa ein Viertel der Zeit gar nicht selber auf der Bühne. Während sie sich umzieht, sieht man sie in vorproduzierten Video-Clips auf zwei gigantischen Leinwänden, ihr James-Bond-Song „Die Another Day” ist sogar ein komplett mittelbares Ereignis, eine neue Form des Public Viewing ohne direkte Beteiligung des Stars. Das spart Kraft.

Überhaupt wirkt der Abend bei aller Professionalität und Faszination unpersönlich, eine Nummer zu groß. Botschaften flackern massenhaft über die Leinwände, Bilder wie das vom US-Prädidentschaftsbewerber McCain in kritischer Gesellschaft mit Diktatoren und Verbrechern sind in rascher Folge zu sehen, Lichter blenden  es hagelt unablässig und bis zur Ratlosigkeit auf einen ein. Dieser Abend will nicht das Herz berühren, keine nostalgischen Gefühle wecken. Er will bloß den Atem nehmen, das Hirn ausschalten, einen aus allem herausreißen, packen, willenlos machen  und unterhalten.

Madonna schäkert zwar ein, zwei Mal mit der Menge. Das kommt aber nicht so recht an, denn man weiß nicht mehr, ob sie eine Frau ist oder eine Maschine, ob das Muskeln und Adern sind in ihren unglaublichen Armen oder ob das Modellage ist mit eingezogenen Stahlseilen. Ihre Erotik ist frei von körperlicher Wahrhaftigkeit. Man möchte sich ihr nicht mehr hingeben wie zu „True Blue”-Zeiten vielleicht noch, allerdings möchte man auch nicht vor ihr weglaufen.

Madonnas Auftritt könnte eine Vorschau auf das Konzert der Zukunft sein. Sie wird ihre Plattenfirma Warner verlassen und sich dem Konzertveranstalter Live Nation verpflichten. Madonna weiß: Sie muss Neues bieten, damit die Leute ihren Wanderzirkus zu Eintrittspreisen bis zu 200 Euro weiterhin sehen wollen. Das heißt weg von der CD, weg vom konservativen Konzert-Gedanken, hin zum Musical hollywoodhaften Ausmaßes. Also spielt sie mit ihrem Lied-Material, mit Verkleidungen, ihrer Rolle als Darling der Klatschspalten, mit Gesellschaftsgeschichte, Populär-Kultur und Trash, mit ein bisschen Politik. „I can go on and on”, ruft sie, sie könnte ewig so weitermachen, und vermutlich kehrt sie künftig häufiger in der Nähe ein mit ihrem mobilen Las Vegas. Madonna ist im Spätwerk angekommen, und vom Olymp aus beginnt sie eine gefährliche Expedition hinter die Grenzen der bekannten Welt. Dafür wird sie Glück brauchen.

 

„Game over” steht am Ende auf den Leinwänden. Als allzu abrupt das Licht angeht, lässt die Königin des Pop ein Lied der Band die Sex Pistols spielen. Manche schmunzeln, als sie das Stück erkennen. Es ist „God save the Queen”.

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