Bewertung: 0 / 5

Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv
 

Telefonieren kann demnächst richtig teuer werden:

 

Vom nächsten Jahr an dürfen hunderte von älteren Schnurlos-Telefonen nicht mehr benutzt werden, da deren Frequenzen neu vergeben werden. Tut man es trotzdem, drohen hohe Strafen. Verbraucherschützer sind entsetzt. 

 

Vom nächsten Jahr an wird die Nutzung hunderter schnurloser Telefonmodelle verboten sein, die in den Neunziger Jahren noch Massenware waren. Denn die Bundesnetzagentur hat die Frequenzen, auf denen diese von allen gängigen Herstellern produzierten und auch von der Deutschen Telekom im großen Stil vertriebenen älteren Geräte senden, für andere Produkte freigegeben. Künftig werden auf diesen Wellen Mobiltelefone und im Haushalt immer weiter verbreitete Kleinelektro-Geräte wie Funk-Kopfhörer und Türöffner funken, die auf einen Knopfdruck am Schüsselanhänger reagieren. Wer trotzdem noch zum veralteten Hörer greift, wird zur Kasse gebeten.

Vom 1. Januar 2009 an verboten sind demnach Geräte, die auf den Übertragungs-Standards CT1+ und CT2 senden. Darunter fallen unter anderem Produkte der Siemens-Reihe "Megaset", aber auch der Telekom mit den Namen Sinus 11 bis 53. Das Problem: Weder die Bundesnetzagentur, die für die Vergabe von Frequenzen zuständig ist, noch die Industrie wissen, wie viele dieser Telefone überhaupt noch im Umlauf sind. Die wagen Schätzungen von wenigen tausend bis hin zu hunderttausenden Geräten. "Da gibt es einfach keinen Marktüberblick", sagte Agentur-Sprecherin Renate Hichert zu stern.de.

"Was machen Leute, die von Technik keine Ahnung haben?"
Der Verbraucher hat jedoch kaum eine Chance zu erkennen, ob sein Gerät unter das anstehende Verbot fällt oder nicht. Schwierig wird es vor allem, wer seine Gebrauchsanweisung weggeschmissen hat. Bei Geräten, die älter als zehn Jahre sind, dürfte das keine Seltenheit sein. Im Internet ist die Aufregung groß. In einschlägigen Foren von Computer-Spezialisten wie heise.de wird geschimpft: "Was machen all die Leute, die keine Ahnung von Technik haben und sich dafür nicht interessieren?" Damit die Telefon-Nutzer überhaupt mitbekommen, was auf sie zukommt, schlägt ein Diskutant gar vor: "Da wären einen Monat lang tägliche Hinweise in der Tagesschau notwendig."

Tatsache ist: Die Entscheidung, dass die Frequenzbereiche in einem halben Jahr auslaufen werden, stammt aus dem Jahr 1998. Die Industrie weiß also schon seit zehn Jahren, dass Geräte mit CT1+ und CT2 keine Zukunft haben. Und so wurden seitdem auch kaum noch Geräte hergestellt. Einige Internet-Shops haben jedoch noch heute mehr als ein Dutzend verschiedene Modelle im Angebot. Und nicht alle sehen so alt und klobig aus, dass sie es allein schon deshalb wert wären, ersetzt zu werden. Außerdem sind Geräte nach dem alten Standard vergleichsweise günstig. Kosten: Von 39 Euro für das normale Gerät bis hin zu 149 Euro mit integriertem Anrufbeantworter.

Betreffende Geräte werden auch heute noch verkauft
Diese Geräte dürften sich bis heute gut verkaufen, haben sie doch ihre Fans: Menschen, die sich vor Elektro-Smog schützen und gleichzeitig auf einen gewissen Komfort nicht verzichten wollen, greifen gerne auf die alten Modelle zurück. Im Gegensatz zu neueren Baureihen funken sie nämlich nur dann, wenn tatsächlich telefoniert wird.

Jetzt klagen Verbraucherschützer an. Telekom-Experte Michael Bobrowski vom Bundesverband der Verbraucherzentralen sagte stern.de: "Das kommt für viele überraschend, weil die Verbraucher nicht rechtzeitig auf die Frist hingewiesen wurden." Dass der Handel die Geräte noch immer vertreibt, sei "ungeheuerlich". Ihm sei zu Ohren gekommen, dass nicht nur Internet-Shops sondern auch auf Telekommunikation spezialisierte Geschäfte noch immer einige Modelle auf Lager haben. Bobrowski wirft zudem den Herstellern vor, auf den Verpackungen nicht rechtzeitig vor dem seit einem Jahrzehnt bekannten "Ablaufdatum" gewarnt zu haben.

"Dass dann auch noch die Bundesnetzagentur nicht großflächig auf das Verbot hingewiesen hat, ist einfach misslich", ärgert sich der Verbraucherschützer. Bislang seien lediglich Experten hingewiesen worden und das auch noch verklausuliert. Im Amtsblatt der Agentur vom 30. Januar 2008 sei beispielsweise davon die Rede gewesen, dass "die Zulassung für die Luftschnittstelle erlischt", sagte Bobrowski. "Wer soll denn daraus herleiten, dass schnurlose Telefone gemeint sind?"

Wenn es beim Nachbarn im Funkkopfhörer rauscht
Wer das Verbot ignoriert, geht ein hohes Risiko ein. Denn wer von Januar an auf den Frequenzen telefoniert, die dann mehr und mehr von anderen Geräten genutzt werden, muss zahlen: 1600 Euro kostet es, wenn der Entstörungsdienst der Bundesnetzagentur seinen mit Antennen bestückten VW-Bus losschickt und den "Störer" ausfindig macht. Dazu kann noch ein happiges Bußgeld kommen. Dafür muss sich nur der Nachbar beschweren, dass es in seinem neuen Funk-Kopfhörer rauscht.

Die modernen Geräte, wie alle Modelle der weit verbreiteten Siemens-Reihe "Gigaset", senden übrigens auf anderen Frequenzen und nach dem so genannten DECT-Standard. Der wiederum ist langfristig gesichert: Zwar ist die Zulassung dieser Wellen für Haustelefone ebenfalls befristet. Nach 2013, wenn die Zeitspanne formell überschritten wird, muss sich Deutschland aber automatisch dem europäischen Recht beugen. Und die EU-Regularien haben für diesen Standard keine Begrenzung festgelegt. Ein erneutes Chaos droht also nicht.

SeitenURL :
Qr Code