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Zu wenig Unterseekabel machen Mittelmeer zum Nadelöhr des Internets.

 

Das Internet ging in die Knie, als Ende Januar im Mittelmeer gleich zwei von drei Unterseekabeln brachen, die Europa mit dem Nahen Osten und Indien verbinden. Besonders betroffen: die Outsourcing-Wirtschaft in Indien und ihre europäischen Partner.

 

 Die Hiobsbotschaften kamen Schlag auf Schlag. Zuerst brachen Ende Januar vor der ägyptischen Küste zwei von drei Glasfaserkabeln, die quer durch das Mittelmeer laufen und das europäische Internet mit Ägypten, dem Nahen Osten und Indien verbinden. Am 1. Februar wurde eine Seekabelstörung vor der Küste Dubais gemeldet. Wenige Tage später fiel ein zwischen Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten verlegtes Kabel aus.
Kabelbruch durch Schiffsanker?

Defekte Unterseekabel sind an sich keine Seltenheit. Allein aus dem Atlantik wurden im letzten Jahr fünfzig Seekabelstörungen gemeldet. Die Häufung der Kabelbrüche gerade im arabischen Raum ließ allerdings aufhorchen. Verschwörungstheorien machten die Runde. Die Kabel seien womöglich vorsätzlich zerstört worden, um die arabische Wirtschaft zu schwächen, hieß es.

Fachleute gingen von weitaus profaneren Ursachen aus. Ankernde Schiffe könnten die Kabel beschädigt haben, erklärte das indische Unternehmen Flag Telecom, das eines der beiden defekten Mittelmeerkabel betreibt. Ägypten dementierte - zumindest halbwegs.

Ein solches Szenario sei unwahrscheinlich, erklärte das ägyptische Ministerium für Kommunikation und Informationstechnologie. Das Seegebiet, in dem sich die beiden Kabeltrassen befinden, dürfe von Schiffen nicht befahren werden. Außerdem seien in der Nähe der Bruchstelle acht Kilometer vor der Hafenstadt Alexandria zur fraglichen Zeit keine Schiffe beobachtet worden.
Outsourcing-Wirtschaft betroffen

Ägyptische Medien hatten anderes berichtet. Wegen eines plötzlichen Wetterumschwungs und heftiger Stürme hätten es etliche Schiffe nicht mehr geschafft, in den schützenden Hafen von Alexandria einzulaufen. Sie hätten trotz Verbots vor der Küste geankert und dabei womöglich die beiden Seekabel beschädigt.

Als Folge der Seekabelstörungen war es im arabischen Raum zu erheblichen Beeinträchtigungen des Internet- und Telefonverkehrs gekommen. "Das war eine extrem schwierige Zeit für unsere Telekommunikationsindustrie", sagt Omar Bin Kalban von Etisalat, einem Internetprovider in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Golfstaaten seien bei Internet- und Telefonverbindungen auf die Unterseekabel angewiesen. Das Internet war zwar nicht völlig zusammengebrochen. Der Datenverkehr wurde auf andere Routen umgeleitet. Er hatte sich jedoch deutlich verlangsamt.

Betroffen war auch die Seekabelverbindung zwischen Europa und Indien, die über Ägypten führt. Besonders die indische Outsourcing-Wirtschaft hatte unter der massiven Störung des Internets zu leiden. Aufgrund des niedrigen Lohnniveaus lagern viele europäische IT-Unternehmen Arbeit nach Indien aus. Diese Unternehmen sind auf den ungehinderten und schnellen Datenaustausch mit den indischen IT-Dienstleistern angewiesen.
"Mittelmeer ist ein Nadelöhr"

Die europäischen Unternehmen hätten sich bisher offenbar nur wenig Gedanken darüber gemacht, dass der Internetverkehr zusammenbrechen oder doch über längere Zeit hinweg erheblich gestört werden könnte, kommentierte die indische Vereinigung der Internet-Service-Provider das Geschehen. Dabei reiche bereits ein zerrissenes Kabel im Mittelmeer aus, und schon sei die Hälfte der indischen Outsourcing-Industrie offline.

"Der Glasfaserweg übers Mittelmeer ist zurzeit ein Nadelöhr", erklärt Tim Strong vom US-Marktforschungsunternehmen Telegeography Research. Bis vor kurzem habe es auf der Mittelmeerroute nur wenig Datenverkehr gegeben. Die Kapazität der alten Kabel reichte aus. Das hat sich mittlerweile - auch aufgrund der boomenden Outsourcing-Wirtschaft in Billiglohnländern wie Ägypten oder Indien - völlig geändert.

Vier neue Unterseekabel sind im Mittelmeerraum zurzeit in Planung. Sie sollen helfen, Engpässe bei Kabelbrüchen zu vermeiden. Eine Garantie für einen reibungslosen Datenfluss wie etwa zwischen Europa und den USA bieten sie trotzdem nicht. "Mit mehr Kabeln wird es mit der Zeit besser", meint Netzspezialist Strong.
Kabelbruch vor Dubai aufgeklärt

Aber anders als im Atlantik liegen die Mittelmeerkabel alle relativ nahe beieinander. Naturkatastrophen wie etwa Seebeben würden deshalb gleich mehrere oder alle Kabel in Mitleidenschaft ziehen. Geografisch gesehen bleibe das Mittelmeer eben ein Nadelöhr, sagt Strong. Mit Störungen müsse deshalb trotz neuer Kabel auch in Zukunft gerechnet werden.

Während die Kabelbrüche vor Ägyptens Küste offiziell noch immer ungeklärt sind, wurden die Ursachen der Seekabelschäden im Persischen Golf mittlerweile aufgeklärt. Eine der beiden Kabelstörungen konnte auf einen technischen Defekt zurückgeführt werden. Bei der anderen Störung führten Satellitenbilder auf die Spur zweier Schiffe. Sie fuhren unter irakischer und koreanischer Flagge und hatten sich zur fraglichen Zeit in der Nähe der beschädigten Kabeltrassen aufgehalten. Das irakische Schiff hatte dort geankert, sich mit seinem Anker im Unterseekabel verheddert und den Kabelbruch verursacht.

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