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Internetprovider spähen Surfer aus

US-Internetprovider spähen systematisch das Surfverhalten ihrer Kunden aus. Auch in Großbritannien wird geschnüffelt. Das Ziel: personalisierte Werbung. Datenschützer schlagen Alarm, Providerkunden sind empört. Sie wurden vorher nicht gefragt.

Der gläserne Surfer - in den USA und Großbritannien ist er nicht länger mehr Fiktion. Bei vielen Internetprovidern gehört er längst zum Alltag. Diese Provider schnüffeln heimlich das Surfverhalten ihrer Kunden aus. Die ausspionierten Daten werden zu detaillierten Nutzerprofilen zusammengefügt. Anschließend werden die Profile benutzt, um die Providerkunden mit gezielter Online-Werbung zu berieseln.

Proteste gegen Schnüffelei

Wie die US-Tageszeitung WashingtonPost berichtet, sollen in den USA bereits rund zehn Prozent der Breitbandnutzer, mindestens jedoch 100.000 Internetnutzer betroffen sein. Genaue Zahlen gibt es nicht. Die "neugierigen" Provider hüllen sich in Schweigen - aus gutem Grund. Sie fürchten massive Kundenproteste, wenn ihre Schnüffelei bekannt wird.

In Großbritannien hat es solche Proteste bereits gegeben - besonders von Datenschützern. Aber auch zahlreiche Kunden zeigten sich empört. Sie waren über die Schnüffelaktivitäten ihrer Provider, darunter British Telecom und zwei andere Internetzugangsanbieter, nicht informiert worden. Betroffen sind rund 36.000 Nutzer.

Die Affäre wurde aufgedeckt, nachdem sich etliche Kunden bei British Telecom über "unerklärliche Phänomene" in ihren Rechnern beschwert hatten. Schuld müsse ein Virus sein, wiegelten die Hotlines des Providers ab. Die wirkliche Ursache - Nebenwirkungen der Netzspionage - gab British Telecom erst zu, nachdem sich immer mehr Kunden über Rechnerprobleme beschwert hatten.

AGB stillschweigend geändert 

In den USA kam die Provider-Spionage durch Softwarefirmen wie NebuAD, Front Porch und Phorm ans Tageslicht - offenbar ungewollt. Diese Firmen stellen die Software her, die von den Providern zum Schnüffeln eingesetzt wird, und werten die abgehörten Daten aus. "Wir arbeiten mit Internet-Service-Providern und Werbenetzwerken zusammen", rühmt sich Front Porch auf seiner Firmenwebseite und erklärt im Detail, wie diese Zusammenarbeit funktioniert. Journalisten wurden hellhörig und hakten nach.

Front Porch sammele detaillierte Nutzungsdaten von mehr als 100.000 Providerkunden, gab Derek Maxson, technischer Direktor der Firma, auf Nachfrage der "WashingtonPost" unumwunden zu. NebuAd habe Verträge mit einer Reihe von Internetprovidern und Zugriff auf die Surfdaten eines jeden zehnten Breitbandnutzers in den USA, erklärte NebuAd-Geschäftsführer Bob Dykes.

Um sich dem Vorwurf zu entziehen, Kunden heimlich auszuspionieren, haben einige US-Provider mittlerweile ihre Geschäftsbedingungen stillschweigend geändert. Jetzt ziert die AGB dieser Unternehmen ein Passus, in dem auf die Überwachung hingewiesen wird. Gleichzeitig wird erklärt, wie man sich dem neugierigen Zugriff entziehen könne.

"Das System ist völlig anonym" 

Die Provider wähnen sich damit rechtlich und moralisch aus dem Schneider. Datenschützer und Branchenbeobachter sind jedoch ganz anderer Meinung. Solche Informationen reichen nicht aus, meint David Hallermann vom US-Marktforschungsunternehmen eMarketer. "Sie sind irgendwo in den Nutzungsvereinbarungen vergraben. Kaum einer wird sie lesen."

Datenschützer vergleichen die Schnüffelpraktiken der Provider mit Telefongesellschaften, die die Gespräche ihrer Kunden widerrechtlich abhören und auswerten. Die Provider wollen den Vergleich nicht gelten lassen. Man habe die Gesetze nicht gebrochen, heißt es seitens British Telecom. Die Datensätze würden anonymisiert. Sie würden auch nicht mit anderen Informationen zusammengeführt, die Rückschlüsse auf die Identität eines Nutzer zuließen.

IP-Adressen, durch die es theoretisch möglich wäre, einen Kunden zu ermitteln, werden nicht gespeichert, sagen die Provider. Außerdem gehe es gar nicht um das exakte Surfverhalten eines Kunden. Gespeichert werde nur, dass jemand sich für Autos interessiere. Nicht gespeichert werde, welche Autoseiten er besuche.

Prominente Schützenhilfe 

Datenschützer geben sich mit dieser Erklärung nicht zufrieden. Die Aufzeichnung der Surfspuren erfolge, ohne dass der Nutzer eingewilligt habe. Zudem sei keinesfalls sichergestellt, dass die erhobenen Datensätze nicht doch mit den passenden Kundendaten verbunden würden. Man müsse sich auf die Aussagen der Unternehmen verlassen. Eine Kontrolle finde nicht statt. Das Anzapfen des Internetverkehrs sei deshalb strikt zu untersagen.

Prominente Schützenhilfe für die Datenschützer kommt von Tim Berners-Lee, dem "Erfinder" des World Wide Web. In einem Interview mit der britischen BBC lehnte Berners-Lee jede Form von Datenspionage ab. Die Provider stünden hier besonders in der Pflicht. Wenn sein Provider sein Surfverhalten speichern und kommerziell verwerten würde, dann würde er ihn sofort wechseln, so Berners-Lee.

 

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