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Microsoft stellt seine Geschäftspolitik auf den Kopf. Konkurrenten sollen ihre Produkte künftig leichter an die Redmonder Software anpassen können. Die Open-Source-Szene reagiert verhalten. Microsoft habe die Zeichen der Zeit erkannt, sagen Experten.

Seit rund zehn Jahren liegt Microsoft mit der EU-Wettbewerbskommission juristisch im Clinch. Es geht um die Art und Weise, wie der weltgrößte Softwarekonzern auf dem Softwaremarkt agiert. Dem Konzern wird vorgeworfen, seine marktbeherrschende Stellung etwa im Segment der Betriebssysteme zu missbrauchen, um auch auf angrenzenden Märkten Fuß zu fassen.

Verhaltene Reaktion aus Brüssel

Microsofts Wettbewerbsstrategie lässt sich einfach auf den Punkt bringen: Der Konkurrenz werden wichtige Schnittstelleninformationen vorenthalten. Diese Informationen werden zu patentrechtlich geschützten Betriebsgeheimnissen erklärt. Sie sind für die Konkurrenten vor allem aus dem Open-Source-Bereich lebenswichtig. Nur wenn man weiß, wie man sich an die marktbeherrschende Software des Redmonder Riesen andocken kann, können die eigenen Programme reibungslos funktionieren.

Mehr Offenheit heißt das Lied, das Microsoft-Chef Steve Ballmer nunmehr singt. Schnittstelleninformationen für das Betriebssystem Windows Vista und für das Büroprogrammpaket Office werden künftig weitgehend offengelegt. "Das ist ein wichtiger Strategiewechsel in der Art und Weise, wie wir Informationen über unsere Produkte teilen", erklärte Microsoft.

Die EU-Wettbewerbsbehörde hat den Gesang vernommen, mitsingen will sie nicht. Man werde das neuerliche Bekenntnis des weltgrößten Softwarekonzerns zu mehr Offenheit in den gegen Microsoft laufenden Verfahren genau überprüfen, heißt es in Brüssel. Man habe ähnliche Erklärungen aus Redmond bereits mehrfach bekommen - in den letzten Wochen und Monaten genau vier Mal.
"Der Teufel steckt in den Details"

Auch in der Open-Source-Szene gibt man sich zurückhaltend. Microsofts Bekenntnis zu mehr Offenheit richte sich vor allem an die nichtkommerziellen Programmierer. Für die kommerziellen Anbieter des freien Betriebssystems Linux etwa ändere sich grundsätzlich wenig. Sie müssen weiterhin für die wichtigen Schnittstelleninformationen in die Tasche greifen und Lizenzen erwerben.

Thomas Vinje, Sprecher des European Committee for Interoperable Systems (ECIS), bleibt deshalb skeptisch. Für eine abschließende Bewertung sei es noch zu früh. Doch meldete Vinje bereits jetzt Zweifel an, ob die angekündigten Maßnahmen tatsächlich einen Wechsel in der bisherigen Redmonder Geschäftspolitik bedeuten und im Ergebnis dazu führen, dass Microsoft die EU-Wettbewerbsregeln künftig einhalten werde. ECIS ist ein Lobby-Verband, dem Microsoft-Konkurrenten wie Opera, RealNetworks und Sun Microsystems angehören.

Ähnlich abwartend reagierte ein Sprecher des Open-Source-Projekts Samba, ein Microsoft-Konkurrent auf dem Markt für Server-Software. "Der Teufel steckt in den Details", erklärte Jeremy Allison von Samba. Diese Details müsse man vor einer abschließenden Stellungnahme erst prüfen. Samba sei im Übrigen längst in Besitz der Informationen, die Microsoft nun offenlegen wolle. Man habe die entsprechenden Lizenzen von Microsoft erworben. "Für uns ändert sich nicht viel", sagte Allison.
Keine Abkehr vom Patentrecht

Das sieht Microsofts Chef-Jurist Brad Smith natürlich völlig anders. Die Veröffentlichung von Schnittstelleninformationen heiße nicht, dass Microsoft seine grundsätzlichen Positionen zum Urheberrecht und dem Schutz geistigen Eigentums durch Patente aufgeben werde. Die neue Offenheit im Umgang mit diesen Informationen bedeute jedoch, dass es für kommerzielle Unternehmen künftig leichter werde, Lizenzen zu erwerben.

Tatsächlich musste die Konkurrenz bis dato Geheimverträge abschließen und Lizenzgebühren zahlen, deren Höhe Microsoft festlegte. Solche Verfahren werde es in Zukunft nicht mehr geben. "Die heutige Ankündigung steht (...) für eine signifikante Erweiterung unserer Transparenz", so Microsoft-Chef Steve Ballmer.

Mit seiner neuen Geschäftspolitik reagiert Microsoft nicht nur auf die andauernden Vorwürfe insbesondere aus Europa, der Konzern würde seine Marktmacht missbrauchen. Microsoft reagierte damit auch auf tendenzielle Marktveränderungen. "Wenn man sich einmal die Innovationen im Bereich der Software anschaut, dann stellt man fest, dass vieles außerhalb von Microsoft geschieht", stellt George Goodall von der kanadischen Beratungsfirma Info-Tech Research Group fest.
Die Zukunft liegt im Netz

Innovationen kämen heutzutage aus der Welt des Web 2.0, erklärt der Analyst. Sie würden von vielen kleinen Start-Up-Unternehmen entwickelt. Microsoft-Programme spielten hier in der letzten Zeit eine immer geringere Rolle. Wenn Microsoft nun seine Programme öffne, dann gibt der Konzern diesen kleinen, aber innovativen Unternehmen die Möglichkeit, ihre Anwendungen leichter mit den Redmonder Programmen zu harmonisieren.

Das sei auch für Microsofts künftigen Geschäftserfolg wichtig. Der Trend gehe eindeutig in Richtung webbasierte Software, eine Software also, die nicht mehr auf dem Rechner des Anwenders, sondern auf Servern im Internet installiert wird. Die Programme selbst laufen im Browser des Nutzers ab. Sie sind an kein bestimmtes Betriebssystem gebunden. Windows könnte "überflüssig" werden.
Zeichen der Zeit erkannt

Große Unternehmen wie Google, Adobe oder IBM setzen längst auf webbasierte Software und machen Microsoft etwa im Bereich der Bürosoftware zunehmend Konkurrenz. Die Office-Programmpakete gehören aber zu den wichtigsten Umsatzbringern des Redmonder Softwarekonzerns. Erfolge der Konkurrenz könnten hier sehr weh tun. Noch sind die webbasierten Büroprogramme nicht so leistungsfähig wie der Marktführer aus Redmond. Doch die Entwicklung schreitet voran - getrieben nicht nur von den Großen dieser Branche, sondern auch von vielen kleinen Unternehmen.

Die bisher restriktive Redmonder Geschäftspolitik habe sich zu einem Hemmschuh für Microsoft entwickelt, sagen Analysten. Microsoft müsse seine Programme öffnen um zu verhindern, dass die Entwickler auf die Konkurrenz setzen. Bereits Mitte der 1990er Jahre hat Microsoft den Start ins Internetzeitalter verschlafen und nur mit großer Kraftanstrengung den Anschluss gefunden. Das soll dem Konzern offenbar kein zweites Mal passieren. Der Redmonder Softwarekonzern hat die Zeichen der Zeit erkannt.

 

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