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Um manche Stellen konkurrieren allerdings nach wie vor sehr viele Bewerber. Petra Weinberg* hat das sogar schriftlich. Sie hat ihre Absagen aufgehoben und darin bestimmte Sätze markiert. »Bitte haben Sie angesichts von über 370 Bewerbungen Verständnis, dass wir Absagen nicht näher begründen können«, heißt es da zum Beispiel. Es wird von »mehr als 160 Bewerbungen« berichtet oder einer Welle von »circa 300 Bewerbungen, die auch uns völlig überrascht hat«. Dabei geht es um Stellen, die ein anspruchsvolles Profil voraussetzen: Studium, Berufserfahrung, Auslandsaufenthalte, Sprachkenntnisse. Petra Weinberg erfüllt alle Bedingungen, und doch enden ihre Briefe immer mit den gleichen frustrierenden Floskeln – »Für Ihre weitere Zukunft wünschen wir Ihnen viel Glück«.

Petra Weinberg ist promovierte Ethnologin. Sie hat Artikel in Fachzeitschriften veröffentlicht, war mehrere Jahre im Ausland, spricht Deutsch, Englisch, Spanisch und Französisch, sie arbeitete schon als Entwicklungshelferin, als Bibliothekarin und als Dozentin in der Erwachsenenbildung. An Qualifikationen mangelt es ihr nicht. Und auch nicht an Engagement. Als einmal die Finanzierung für ein kleines Entwicklungshilfe-Projekt platzte, sparte sich die Kölnerin das Geld dafür selbst zusammen. Sie hielt Vorträge, sammelte Spenden, verkaufte Bücher und Trödel aus ihrer Kirchengemeinde auf dem Flohmarkt – bis sie genug Geld zusammenhatte, um für eineinhalb Jahre nach Bolivien gehen zu können.

Als sie zurückkam, war sie wieder arbeitslos.

Sie lebt von Hartz IV, schon seit diese Sozialleistung im Jahr 2005 eingeführt wurde. Einige Möbel in ihrer Wohnung kommen vom Sperrmüll. Verbittert stellt die 55-Jährige fest: »Ich lebe noch genauso wie in meiner Studentenzeit.«

Von Bekannten hört sie jetzt immer häufiger den Satz: »Ich verstehe gar nicht, warum du nichts findest.« Das nagt an ihr. Durch das Gerede vom Fachkräftemangel, sagt die promovierte Wissenschaftlerin, fühle sie sich »tief gedemütigt« und »getäuscht«. Dabei dürfte es sie gar nicht berühren. Es gibt nämlich keinen Mangel an Ethnologen oder Bibliothekaren. Auch das Rekordtief bei der Arbeitslosenquote sagt über ihre Chancen wenig aus. In der öffentlichen Diskussion wird da aber oft kein Unterschied gemacht. Es ist, als ob man beim Wetterbericht erwarten würde, dass eine Temperatur für ganz Deutschland angesagt wird, die dann von der Zugspitze bis zur Nordseeküste herrscht, am besten noch im Schatten wie in der prallen Sonne. Was beim Wetter offensichtlicher Unsinn ist, setzen viele beim Arbeitsmarkt unbewusst voraus. Die Arbeitslosenquote, eine Durchschnittszahl, gilt scheinbar für alle.

Gesucht wird nicht eine IT-Kraft, sondern ein Experte für Oracle 10g

Dabei erfassen Experten der Bundesagentur für Arbeit die Wirklichkeit viel genauer. Sie wissen, dass es nicht nur regional große Unterschiede gibt, sondern auch von Beruf zu Beruf. Jeden Monat analysieren sie, wo tatsächlich Mangel herrscht. Ergebnis: Auf Platz eins in einer Rangliste von 200 Berufen stehen die Ärzte. Offene Stellen für sie bleiben oft unbesetzt, bis ein passender Bewerber gefunden ist – im Durchschnitt beträgt die Lücke mehr als 150 Tage. Kein Wunder, denn bei den Medizinern kommt auf eine gemeldete Stelle nicht einmal ein arbeitsloser Arzt. Es sind, statistisch ermittelt, nur 0,85 Arbeitslose pro Angebot. Ähnlich sonnig sieht der Arbeitsmarkt für Krankenschwestern, Pfleger und Hebammen aus. Freie Stellen für sie bleiben 100 Tage vakant, auf eine Offerte kommen sogar nur 0,77 Arbeitssuchende.

Für Fachkräfte wie Petra Weinberg ist das Klima am Arbeitsmarkt dagegen viel rauer. Die zu ihr passenden Berufsgruppen – Geisteswissenschaftler, Bibliothekare, Dozenten – findet man ganz unten auf der Rangliste, zwischen Platz 160 und 190, in der Nähe von Lagerverwaltern und Kassierern. Auf eine Stelle kommt hier nicht der Bruchteil eines Bewerbers, sondern es drängeln sich zwischen 9 und 25 Arbeitslose. Von einem Jobboom keine Spur.

 

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