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Als die stählerne Kette des Bandes plötzlich abspringt, herrscht Chaos. Die Kollegen brüllen sich an, greifen mit den Händen ins laufende Band, um die Kette wieder in die Halterung zu bringen. Dabei ist es schon zu Verletzungen gekommen, wie ich erst nach zwei Wochen erfahre, nachdem ich selbst schon mehrfach ins laufende Band gegriffen habe. Und erst nach einer Woche erfahre ich von einem Notstopp-Knopf, der seitlich vom Band angebracht ist. Aber den dürfen wir nur im alleräußersten Notfall betätigen, wissen die Kollegen. Denn wird er gedrückt, dann bleiben die Brötchen zu lange im Ofen, werden zu dunkel und sind nicht mehr verwendbar. Mit großem Nachdruck mahnt mich ein gelernter Bäckerkollege, die Finger von diesem Knopf zu lassen.

In den nächsten Arbeitstagen lerne ich, dass Störfälle bei Weinzheimer die Regel sind, nicht die Ausnahme. An manchen Tagen bricht alle 15 Minuten das Chaos aus: Bleche müssen vom Band, Brötchen fliegen durch die Luft und liegen auf dem Boden, wo wir sie aufsammeln müssen, damit sie später entsorgt werden. Die Bleche verziehen sich nämlich mit der Zeit in der Hitze des Ofens, und wenn sie sich verzogen haben, blockieren sie das Band, es kommt zu einem Stau, auch weil die Anlage mehr als marode ist. Es drohen dann Konventionalstrafen: Für jede nicht oder zu spät gelieferte Palette, bestehend aus 336 Brötchentüten, erfahre ich, muss Weinzheimer 150 Euro an Lidl zahlen. Ich höre, es seien kürzlich 87 Paletten gewesen, also rund 13000 Euro Strafe.

Ein Backblech kostet nur 70 Euro, und so frage ich einmal einen Schichtleiter, ob man denn nicht neue kaufen könne, um die dauernden Staus zu vermeiden. »Ihr seid billiger als neue Bleche«, ist seine Antwort.

Als am zweiten Tag das Band blockiert und die Brötchen herumfliegen wie Geschosse, stoße ich mich mit der Stirn an einem Blech. Es blutet stark, ich habe eine Risswunde, bin benommen. Später erfahre ich, dass einem Betriebsschlosser einige Monate zuvor an dieser Stelle das Gleiche passiert ist. Ich besuche ihn, und er erzählt mir: »Ich hatte eine stark blutende Schnittwunde und eine Gehirnerschütterung. Ich bat meinen Schichtführer, mir zu helfen, aber er sagte: Tut mir leid, keine Zeit für so was. Ich suchte selbst den Erste-Hilfe-Kasten, stellte jedoch fest, dass kein Verbandszeug drin war. Erst nach Schichtende wurde mir erlaubt, ins Krankenhaus zu fahren.«

Als das Band am dritten Tag für längere Zeit stillsteht, spricht mich der indischstämmige Kollege S. an. Er hält mich wegen meiner dunklen Haare für einen Landsmann oder einen Pakistaner. Ich muss ihn enttäuschen, bin aber froh, dass ich mit jemandem reden kann. S. ist sich, genau wie andere Kollegen, mit denen ich später spreche, sicher, dass das Betriebsklima sich drastisch verschlechtert hat, seitdem Lidl vor etwa sechs Jahren zum alleinigen Kunden wurde. Lidl verkauft eine Tüte mit zehn Brötchen für 1,05 Euro, Weinzheimer erhält ungefähr zwei Drittel, dafür muss die Firma frei Haus liefern.

Wie groß der Druck auf die Firma ist, lässt sich an einem Aushang erkennen, in dem sich der Firmenbesitzer an seine Arbeiter wendet, wortwörtlich wiedergegeben: »Bei Reklamationen seitens der Firma Lidl werden die Beträge jeweils an der nächsten Rechnung abgezogen. Dieses ist in dieser Woche der Fall, da über 150 Paletten, das sind anderthalb Tage Produktion oder 50000 Packungen schimmelig gemeldet wurden. Dieser Umstand ist für die Geschäftsleitung nicht vorhersehbar, aber nachvollziehbar. Der Schimmel entsteht durch unsauberes, ungenaues Arbeiten. Wenn ich sehe, wie die Räumlichkeiten und Maschinen nicht gereinigt werden und die Mitarbeiter meinen sich nicht an vorgeschriebene Prozesse halten zu müssen, aber dann ihrem Lohn hinterher jammern, den rate ich in Zukunft seine eigenes Handeln und den Umgang mit seinem eigenen Arbeitsplatz zu überdenken. Ich, die Firma Lidl und allen Endkunden habe für diese Arbeitsauffassung keinerlei Verständnis.«

Der Schimmel entsteht in der Brotfabrik keineswegs durch »ungenaues oder unsauberes Arbeiten«. Er blüht permanent – davon kann ich mich selbst überzeugen, und ich kann es auch durch Fotos belegen – an schwer zugänglichen Stellen der Anlage, rieselt er an verrotteten Eisenteilen herunter und entwickelt sich im Gärschrank. Ich selbst werde einmal mit einem älteren Kollegen dazu eingeteilt, den in den Fugen einer gekachelten Wand sitzenden Schwarzschimmel zu entfernen. Es ist eine mühselige Arbeit und eine vergebliche dazu – denn schon eine Woche später ist neuer Schimmel da. Als ich den älteren Kollegen frage, warum die Wand nicht fugenlos isoliert werde, um sie leichter und öfter zu reinigen, winkt der nur ab: »Natürlich könnte man hier vieles vorschlagen. Aber das ist unerwünscht. Ich habe einmal einen Vorschlag gemacht und danach nie wieder. Man sagte mir, ich sei zum Arbeiten hier, nicht zum Denken.«

Vordergründig wird in der Fabrik sehr auf Hygiene geachtet. Wir Arbeiter müssen eine Haube auf dem Haar tragen, und auch mein Schnauzbart wird von einer Binde geschützt. Wir müssen unsere Hände desinfizieren, bevor wir sterile Handschuhe anziehen. Aber in Wirklichkeit ist die Backanlage alles andere als steril: Weil sie so selten wie möglich stillstehen soll, wird sie nicht gründlich gereinigt. Der Boden ist immer wieder schmierig und verschmutzt.

Weinzheimer backt abwechselnd Ciabatta- und Körnerbrötchen für Lidl. Die Verpackung der Ciabatta-Brötchen suggeriert, dass sie aus Italien kommen, »Ital d’oro« steht darauf. Echter italienischer Ciabatta-Teig müsste etwa acht Stunden vorgären. Die Weinzheimer-Brötchen gären nur etwas mehr als eine Stunde vor. Werden sie nach einigen Wochen Lagerung aufgebacken, sind sie hart und knochentrocken. Der Begriff »Ciabatta« ist nicht geschützt, und so darf Weinzheimer seine Brötchen so nennen.

Jeder Arbeiter darf nach Schichtende eine Brötchentüte mit nach Hause nehmen. Die wenigsten machen von diesem Recht Gebrauch. Ein gelernter Bäcker aus der Teigmacherei sagte mir: »Meine Frau und meine Kinder weigern sich, die zu essen. Sie wollen frische Brötchen vom Bäcker.«

Ich frage mich, wer für das »Billig-billig-billig«-System von Lidl eigentlich hauptverantwortlich ist: Mit Billiglöhnen werden Billigbrötchen zu Billigpreisen und in Billigqualität an den Verbraucher gebracht. Warum kaufen die Kunden diese Brötchen, die nicht gut schmecken? Ja, sie sind in der Tat billig, zumindest auf den ersten Blick. Pro Brötchen zahlt der Kunde 10,5 Cent. Aber er muss immer gleich zehn kaufen. Er muss sie außerdem selbst aufbacken, was Zeit und Strom kostet. Vielleicht ist es verständlich, dass ein Hartz-IV-Empfänger solche Billigbrötchen kauft. Es wäre aber sicher ähnlich günstig, statt zu den Aufbackbrötchen zu gewöhnlichem Brot vom Bäcker um die Ecke zu greifen, der noch selber backt.

Die Zulieferfirmen für die großen Lebensmitteldiscounter – fünf von ihnen setzen in Europa 70 Prozent der Lebensmittel um – leiden unter einem krassen Preisdruck. Vor Kurzem hat das EU-Parlament in einer Resolution, die 439 Abgeordnete unterzeichneten, kritisiert, »dass große Supermärkte ihre Kaufkraft dazu missbrauchen, die an Zulieferer bezahlten Preise auf ein unhaltbares Niveau zu drücken und ihnen unfaire Bedingungen zu diktieren«. Der Preisdruck verschlechtere schließlich »die Arbeitsbedingungen bei den Zulieferern«. Wie groß die Zahl seiner Zulieferer ist, gibt Lidl nicht bekannt. Es sind sicher Hunderte – in den Filialen von Lidl gibt es mehr als 1500 Produkte zu kaufen.

An meinem vierten Tag erfahre ich plötzlich, dass ich erst mal nicht weiterarbeiten soll. Die Auftragslage sei im Moment nicht so günstig. Erst in einem Monat könne es möglicherweise weitergehen.

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