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Andere Kollegen wurden schon über Telefon informiert, die Schicht falle aus. Die freien Tage, die so entstehen, werden nicht bezahlt. Selbst Feiertage, auch Weihnachten und der 1. Mai, werden nicht entlohnt. Natürlich ist das illegal. Wer dagegen klagt – was einige Male geschah –, bekommt zwar vor Gericht recht. Aber er weiß, dass er seinen Arbeitsplatz riskiert. Wer seinen Job, auch wenn er mies ist, behalten will oder muss, hält den Mund und erduldet die Ungerechtigkeit. Er duldet auch, dass die Löhne häufig zu spät gezahlt werden – erst dann, wenn Lidl seine Monatsrechnung beglichen hat. Im vorigen Jahr kam das Geld für den November erst am 19. Dezember. Da hatten die ersten Arbeiter schon mit Pfändungen zu kämpfen. Wer von 7,66 Euro brutto pro Stunde lebt, hat ohnehin eher Schulden als Ersparnisse.

Um weiterarbeiten zu können, ersinne ich gemeinsam mit meinem Freund, dem Kabarettisten Heinrich Pachl, eine List: Fortan ist er mein Betreuer eines frei erfundenen EU-Programms »50 plus«, in dem ältere Arbeiter getreu der Devise »Erst fordern, dann fördern« unentgeltlich in Firmen arbeiten und dafür von der EU entlohnt werden.

Ich fürchte, die Geschichte könnte auffliegen. Eine Suche im Internet nach dem Namen meines Betreuers, er nennt sich Minsel, oder ein Anruf in Brüssel würden genügen. Aber Eigentümer und Betriebsleiter wollen die Sache offenbar allzu gerne glauben. Erfülle ich ihnen doch einen Traum: Ich bin ein Arbeiter, der keinen Cent kostet.

An einem der nächsten Tage lerne ich den Werksleiter K. näher kennen. Wieder einmal gilt es, Haufen von Brötchen unter dem laufenden Band aufzusammeln. Vom Boden bis zum Band sind es nur 60 Zentimeter, nicht viel Platz für einen ausgewachsenen Mann. K. fordert mich dennoch auf, unter das Band zu kriechen. »Das ist doch gefährlich. Kann ich das nicht machen, wenn das Band stillsteht?« – »Stellen Sie sich immer so dumm an?«, entgegnet K. »Passen Sie auf, ich mache Ihnen das jetzt mal vor.« K. ist ein Mann von erheblicher Fülle. Kaum hat er sich unter das Band begeben, gerät sein Kittel zwischen Kette und Zahnräder und wird mitgezogen. Mit einem Satz springe ich zu ihm, reiße mit voller Kraft an seinem Kittel und befreie ihn aus seiner misslichen Lage. K., blass geworden vor Schreck, bedankt sich nicht, sein Stolz verbietet es ihm offenbar. Das ölverschmierte Stück Stoff wirft er in eine Abfalltonne. Ich nehme es mir als Andenken wieder heraus.

Den großen Chef selbst, den Besitzer Bernd Westerhorstmann, sehe ich nur wenige Male durch den Betrieb gehen. Er würdigt die Arbeiter kaum eines Blickes. Stattdessen zeigt er mit dem Finger auf sie, wenn er etwas von ihnen will. So auch einmal auf mich. »Holen Sie die elektrische Ameise«, herrscht er mich an. Er meint damit einen Gabelstapler, den ich allerdings nicht ohne vorhergehende Einweisung fahren darf. Als ich ihn frage, wo das Gefährt zu finden sei, macht er eine abfällige Handbewegung und lässt mich stehen.

Westerhorstmann widmet sich ansonsten virtuell und aus der Ferne dem Geschehen in seiner Produktionsstätte. Denn das System Lidl hat Einzug gehalten in seine Backstraße. Westerhorstmann hat seine Hallen mit Kameras bestückt, auf deren Bilder er überall in der Welt via Internet und mit persönlichem Passwort zugreifen kann. Westerhorstmann stellt sogar nachts seine Allgegenwärtigkeit unter Beweis: Einmal hat er von zu Hause aus einer Schichtführerin eine Abmahnung erteilt. Denn er hatte über seine Kameras gesehen, dass sie statt einer weißen eine graue Arbeitshose trug.

Was treibt einen Menschen, eine Firma so zu führen? Ist es wirklich nur der Druck, der von Lidl kommt? Welchen Teil der Schuld trägt er selbst? Einige Arbeiter in der Fabrik glauben, dass er einzig daran interessiert sei, in der Zeit bis zu seinem Ruhestand das Maximum aus dem Betrieb herauszupressen, und kümmere sich deswegen weder um neue Maschinen noch um neue Bleche.

Vielleicht lässt sich aus seinem Umgang mit Tieren schließen, was für ein Mensch Westerhorstmann ist. Gleich neben der Fabrikhalle hält er etwa 20 afrikanische Buckelrinder. Im Betrieb heißt es, sein Vater, von dem er die Fabrik erbte, habe ihm die Pflege per Testament auferlegt. Sicher ist, dass die Tiere dort leiden, sie stehen bis über die Knöchel im eigenen Kot, weil niemand den Stall ausmistet. Eines Tages, es ist Karfreitag, entdecke ich, dass dort ein soeben geborenes Kalb liegt. Als ich es finde, hebe ich es aus dem Kot und Schlamm, trage es ins Freie und reibe es ab: Es lebt noch. Noch am selben Tag erfahre ich von einem Kollegen, dass das Neugeborene elendig verreckt ist.

Wie Westerhorstmann über die Gesundheit seiner Arbeiter denkt, ist ebenfalls einem Aushang zu entnehmen: »(Es) wird hier seit geraumer Zeit die Arbeitsauffassung durch Krankmeldungen ersetzt, so dass im Endeffekt die Mitarbeiter bestraft werden, die ihren Lohn durch ordentliche Arbeit erwirtschaften.« Das Gegenteil ist wahr: Die Arbeiter fürchten sich davor, sich krankzumelden, weil Westerhorstmann Krankheitstage häufig nicht bezahlt und weil er schon etliche Kranke aus dem Betrieb gemobbt hat.

Den vielleicht widerwärtigsten Fall von Mobbing erlebte ein Mann namens Ottmar Thiele. Er arbeitete seit 33 Jahren in der Firma, als der Chef ihn zwingen wollte, eine Änderungskündigung zu unterschreiben, die ihm 500 Euro weniger im Monat beschert hätte, dafür aber Schwerstarbeit im Schicht- und Nachtdienst. Obwohl Thiele nicht unterschrieb und trotz eines ärztlichen Attests, wonach ihm wegen einer Herzerkrankung weder Nacht- noch Spätschicht zugemutet werden dürfte, wurde er zum Schichtdienst gezwungen. Er wurde in die Produktion versetzt und musste schwere Paletten von Hand schieben. »Alles im Dauerlauf«, erzählt er heute. »Die wollten, dass ich von selbst gehe. Ich habe kaum noch geschlafen, Tag und Nacht an die Firma gedacht.«

Die Schikanen nahmen zu, er erhielt konstruierte Abmahnungen, und als er vor dem Arbeitsgericht klagte, erteilte man ihm Hausverbot. »Die Chefsekretärin kam morgens in die Werkstatt, verlangte meine Stempelkarte und meine Schlüssel. Doch kaum war ich zu Hause, rief der Betriebsleiter an, ich müsse am nächsten Tag wieder zur Spätschicht antreten. Ich bekam dann nach vier Stunden härtester Arbeit plötzlich keine Luft mehr, hatte panische Angst, und das Herz krampfte sich zusammen. Ich musste zum Arzt.«

Nach einjährigem Prozess kommt Thiele endlich zu seinem Recht. Die Änderungskündigung ist unbegründet und unwirksam. Der Fabrikant hat dennoch seinen Sieg errungen: Thiele verzichtet darauf, wieder eingestellt zu werden, und gibt sich mit einer siebenmonatigen Gehaltsnachzahlung zufrieden, nachdem der gegnerische Anwalt vor Gericht suggeriert hat, dem Betrieb stehe womöglich ein Insolvenzverfahren bevor.

»Was wäre die gerechte Strafe für so einen Unternehmer?«, frage ich Ottmar Thiele. »Es müsste ein Gesetz geben, dass so ein Mann mindestens acht Wochen in der Produktion arbeitet, unter den Bedingungen, die er vorgibt«, antwortet er.

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