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Eine fristlose Kündigung ohne Vorwarnung und ohne ersichtlichen Grund traf schließlich auch einen früheren Betriebsleiter. Als er auf Wiedereinstellung klagte, schickte der Brötchenfabrikant den neuen Werksleiter und seine Betriebsrätin zu den Mitarbeitern. Sie sollten mit ihrer Unterschrift bekunden, dass sie die Arbeit niederlegen würden, sollte der Gefeuerte wieder eingestellt werden. Einem Schlosser, der seine Unterschrift verweigerte, wurde gedroht, er werde entlassen, falls man den Geächteten wieder einstellen müsse.

Meinen schwärzesten Tag habe ich nach etwa zwei Wochen. Es ist mein Kollege S., der mich rettet, denn ich breche fast zusammen. Ich höre, wie mein Herz schlägt, laut und rasend und unregelmäßig. Herzrhythmusstörungen. Ich erkenne sie gleich, weil ich sie schon einmal erlebt habe: vor 15 Jahren, als ich mit dem Kajak auf dem Atlantik in Seenot geriet. Ein Sturm trieb mich aufs offene Meer, ich verlor das Land aus den Augen. So fühle ich mich jetzt auch: Ich sehe kein Land mehr. S. muss merken, wie schlecht es mir geht. Er übernimmt, ohne ein Wort darüber zu verlieren, einen Teil meiner Arbeit.

Nach diesem Tag kommt mir das Wort »Streik« in den Kopf. Ich summe während der Arbeit die Internationale, die Hymne der Arbeiterbewegung, darauf vertrauend, dass kein Vorgesetzter die Melodie kennt und den zugehörigen Text: »Wacht auf, Verdammte dieser Erde...« Ein junger Kollege zwinkert mir zu, schaut sich um, ob ihn auch keiner sieht, und hebt die zur Faust geballte Hand.

Die Schichtführerin der ersten Tage hat sich gewandelt: Sie schreit uns nicht mehr an, ist in sich gekehrt, geradezu verunsichert. Sie ist abgemahnt und zur einfachen Arbeiterin degradiert worden, erfahre ich, weil sie angeblich zu wenig Leistung bringt. Die Firma verschleißt die Leute, und wer verschlissen ist, dessen Tage sind gezählt. Jeder kann in diesem System zum Opfer werden. Es geht ganz schnell.

Und so spreche ich sie eines Morgens an, da ich denke, dass der Gedanke bei ihr auf fruchtbaren Boden fallen könnte: »Eigentlich müsste hier doch mal gestreikt werden.« Sie sieht mich erschrocken an: »Um Gottes willen, sagen Sie so etwas nicht! Es haben ja schon mal welche versucht, einen Betriebsrat zu gründen. Die sind alle raus, die sind alle weg.« Schnell wendet sie sich von mir ab. Die Angst unter den Geschundenen ist so groß, dass selbst der Gedanke an ein Aufbegehren sie schreckt.

Der bislang einzige Versuch, einen Betriebsrat zu gründen, fand im Frühjahr 2007 statt. Wie in fast allen Lidl-Filialen gab es bis dahin auch beim Lieferanten Weinzheimer keinen Betriebsrat. Eine Gruppe Arbeiter beschloss, das zu ändern. Als Weinzheimer davon erfuhr, drohte er damit, die Fabrik zu schließen oder wenigstens einen Teil der Arbeiter zu entlassen. Wegen »betriebsbedingter Teilautomatisierung«.

Eine erste Betriebsversammlung geriet zum Fiasko. Als ein Arbeiter kritisierte, dass er 20 Tage am Stück arbeiten musste, entgegnete ihm Westerhorstmann: Dafür gibt es ja auch mal zwei Wochen lang gar nichts zu tun! Als die Kollegen darauf mit weiterer Kritik reagierten, warf Westerhorstmann sie kurzerhand mit der Begründung aus dem Saal, er mache von seinem Hausrecht Gebrauch. In der Folge drohte er Kollegen, sie zu entlassen, wenn sie sich an einer Betriebsratswahl beteiligten.

Schließlich fand die Wahl dennoch statt. Alban Ademaj, 25 Jahre alt, wurde an die Spitze des Betriebsrates gewählt. Er konnte sein Amt nie wirklich ausüben. Seine Bitte, doch endlich den Arbeitern ihre Stundennachweise auszuhändigen, wurde abgelehnt. »Viele hatten den Verdacht, dass der Betriebsleiter Stunden unterschlägt. Er konnte die Zahl der Arbeitsstunden am Computer manipulieren. Ich konnte ihn dabei überführen, da ich meine Stunden aufgeschrieben hatte«, sagt Ademaj heute.

Nach seiner Wahl wurde er, der zuvor nie Anlass zur Beschwerde geboten hatte, andauernd abgemahnt, bis er schließlich aufgab. »Ich dachte, wenn ich zurücktrete, lässt mich Westerhorstmann wenigstens wieder in Ruhe meine Arbeit machen.« Er irrte sich. Er wurde ans Endband versetzt, um die Tüten zu kontrollieren, jene Arbeit, bei der man zwangsläufig Fehler macht. Ständig wurden Ademajs Paletten kontrolliert. Als man ihm auch bei der vierten Kontrolle nichts nachweisen konnte, stellte man ihm einen Neuling zur Seite und lastete dessen Fehler schließlich Ademaj an.

Später sollte Ademaj angeblich zu wenige Paletten bestückt haben, obwohl er zu diesem Zeitpunkt in der Teigmacherei arbeitete. Zum Verhängnis wurde ihm unter anderem eine Tüte mit lebenden Kakerlaken. Ein Kollege hatte die Tierchen eingesammelt und neben seinen Arbeitsplatz gestellt. Ademaj sah die Tüte und versteckte sie, weil er fand, sie sollte einem Lidl-Kontrolleur, der für diese Zeit erwartet wurde, nicht ins Auge fallen. Ademaj bekam auch wegen dieser Tüte eine Abmahnung und wurde schließlich fristlos entlassen.

Ich erlebe Ademaj noch als Kollegen. Als er plötzlich vom einen auf den anderen Tag nicht mehr erscheint, ist das kein Thema im Betrieb. Keiner wagt, offen darüber zu reden.

Auch der Nachfolger Ademajs wurde schließlich fristlos entlassen, diesmal mit dem Zusatz: »Die Zustimmung des Betriebsrates liegt vor.« Denn mittlerweile war die nur an sechster Stelle gewählte Chefsekretärin zur Betriebsratsvorsitzenden aufgestiegen. Sie ist eine Betriebsratsvorsitzende von Westerhorstmanns Gnaden. Seitdem sie im Amt ist, gibt es keine Opposition mehr in der Fabrik.

Kein Wunder also, dass Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit keine Rolle spielen. Eine meiner Hauptaufgaben besteht darin, stundenlang fehlerhafte Tüten aufzuschlitzen und die Brötchen wieder aufs Band zu kippen. Diese Tüten sind nicht mit Luft, sondern mit Kohlendioxid prall gefüllt, sodass ich diesem Gas, das nur in geringer Konzentration harmlos ist, schutzlos ausgesetzt bin. Schon nach kürzester Zeit verursacht diese Arbeit Kopfschmerzen. Die Augen brennen, die Kehle trocknet aus. Ich bin benommen, sehne mich nach Frischluft, aber die gibt es hier nicht.

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