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An einem Tag, als ich wieder stundenlang Tüten aufschlitzen muss, werde ich, klatschnass geschwitzt, nach draußen abkommandiert, im dünnen Hemd. Ich soll zwei Stunden lang Abfallbrötchen in Container kippen. Es ist Ende Februar, es herrschen Minusgrade, und ich fürchte, mir eine Lungenentzündung zu holen.

Also betrete ich in meiner Not das Büro und bitte die Frau des Besitzers, mir doch einen Kittel gegen die Kälte zu geben. Anstatt sich um meine Gesundheit oder wenigstens meine Arbeitskraft zu sorgen, sagt sie: »Ich könnte Ihnen jetzt sofort eine Abmahnung erteilen! Sie dürfen in Ihrer sterilen Kleidung die Halle gar nicht verlassen.« – »Aber man hat mich doch rausgeschickt.« – »Sie haben sich an die Vorschriften zu halten.« Die folgenden zwei Stunden schaut sie mir von ihrem Büro aus zu, ungerührten Blickes, wie ich im dünnen Hemd in eisiger Kälte ihre mistigen Brötchen verklappe.

Zahlreich sind die Berichte solcher gesundheitsgefährdender Einsätze: Zwei Kollegen müssen ohne ausreichenden Atemschutz mit alter Glaswolle einen Backofen isolieren – diese Fasern sind stark krebserregend. Ein Schlosser wird aufgefordert, in einem Mehlsilo zu schweißen – ein einziger Funke kann dort eine Verpuffung oder eine Explosion auslösen. Nur mit Mühe kann er sich widersetzen.

An meinem letzten Arbeitstag stattet der »EU-Beauftragte«, mein Freund Pachl, samt Delegation dem Betrieb einen Besuch ab. K., der Werksleiter, gibt dem vermeintlichen EU-Beamten gleich zweimal zu verstehen, ich sei nicht »intrigierbar«. Ich nehme an, er meint: integrierbar, was ich als Kompliment verstehe. Ich bin K. nicht geheuer. Vielleicht ist ihm zugetragen worden, dass ich dem ein oder anderen Kollegen kritische Fragen gestellt und auch meine Meinung offen vertreten habe.

Ich gebe K. beim Abschied die Hand: »Vielen Dank für alles, ich habe viel gelernt hier und werde von mir hören lassen.« K. sagt nichts, sondern knurrt nur etwas, dann heult schon wieder die Alarmsirene, und er eilt zum Kühler, der wieder mal blockiert.

Einen Monat lang habe ich in der Brötchenhölle ausgehalten. Dabei habe ich fünf Kilo abgenommen. In den ersten Tagen danach bin ich einfach nur froh, es hinter mir zu haben, und habe dennoch gegenüber meinen Kollegen, die ich zurückließ und denen ich mich nicht zu erkennen geben durfte, ein schlechtes Gewissen. Eine Szene, kurz vor meinem Weggang, ist mir seither oft vor Augen: Ein neuer Arbeiter steht in der Halle, allein, verzweifelt, er schreit, weil er sich verbrannt hat. Er hat keine Ahnung, was er tun kann, niemand hilft ihm, auch keiner der Kollegen. Genauso stand ich am ersten Tag in der Halle. Nur dass für mich der Albtraum immer ein absehbares Ende hatte, für ihn nicht. Für ihn währt dieser Albtraum wahrscheinlich noch heute.

Was ist meine Hoffnung? Dass der Konsument, dass wir alle unsere Macht erkennen. Die Arbeiter können sich selbst nicht mehr helfen in diesem Betrieb, jedes Aufbegehren wird brutal unterdrückt. Eine realistische Hoffnung? Durchaus, denke ich. Es waren die Kunden der Biomarktkette Basic, die im vorigen Jahr verhindert haben, dass Lidl das Unternehmen kaufen konnte – indem sie mit einem Boykott drohten. Nun sollten die Kunden Lidl und seinem System ein weiteres Mal widersprechen. Lidl diktiert Weinzheimer die Preise und trägt damit Verantwortung dafür, wie Menschen dort arbeiten müssen. Solange die Arbeiterrechte dort systematisch verletzt werden, sollten die Kunden Lidl und seine dürftigen Brötchen boykottieren.

Der Firmenbesitzer Bernd Westerhorstmann wurde mit Vorwürfen aus diesem Artikel konfrontiert. Eine angekündigte Antwort blieb bis zum Redaktionsschluss aus.

Günter Wallraff ist Undercover-Journalist und Schriftsteller. Vor einem Jahr arbeitete er als verdeckter Mitarbeiter in Call-Centern. Seine Reportage im ZEIT-Magazin (Nr. 22/07) löste eine Gesetzesinitiative aus, wonach Kunden vor unerwünschten Werbeanrufen besser geschützt werden sollen. Bekannt wurde Günter Wallraff durch seine Industriereportagen und sein Buch »Ganz unten« (1985)

Der im ZEIT-Magazin angekündigte Ausschnitt eines Filmbeitrags über Wallraffs Recherche entfällt bis auf weiteres. Wir bitten das zu entschuldigen.

 


Zu Günter Wallraffs Recherche erscheint auch eine DVD bei Captator Film (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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